Flüchtlinge leben im Amt mitten drin

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Carsten Müller (v.l.), Ali Reza, Anne Düren und Mario Hesse. Hesse sammelte per Onlineaufruf Sportkleidung für den Jungen. Als Verteidiger ist der Elfjährige im TSV mittlerweile unersetzbar. Um seinen Vater und den 16-jährigen Bruder nach Trittau zu holen, die bei der Flucht in Griechenland bleiben mussten, sammelten seine Sportkameraden und deren Eltern Geld und kauften Flugtickets. Nun lebt die Familie vereint in Trittau Foto: cy
 
Mahdi Hosseini (v.l.), Trainer Fabian Müller und Ehsan Rahimi. „Mannschaftssport hat integrativen Charakter“, sagt Müller. Erfolgserlebnisse bringen Sportler zusammen, egal welcher Nation.“ Foto: cy

Bilanz nach einem Jahr: Viele Migranten sprechen gut deutsch, trainieren im Sportverein und einer will zur Feuerwehr

Von Cetin Yaman
Trittau
Sie sind aus Syrien, Afghanistan, Eritrea oder Armenien vor Verfolgung und Kriegswirren geflohen und versuchen nun in Stormarn Schutz zu finden und Erholung von ihrer Flucht. Im Amt Trittau leben die 65 Asylsuchenden nicht am Rande des Dorfes in einer Sammelunterkunft oder Containern. Sie wurden im Herzen der Orte angesiedelt, ein Konzept mit Erfolg. „Wir haben von Anfang an, die Unterbringung in Wohnungen und Häusern organisiert“, erklärt Amtsvorsteher Ulrich Borngräber. Dafür erwarb die Amtsverwaltung Ende 2014 unter anderem in Trittau Immobilien in der Rausdorfer Straße und in der Straße zum Bugenhagenheim und mietete Wohnungen an.
Dass die Integration so reibungslos gelingt, liegt nicht zuletzt am Engagement von Ulrich Borngräber. Als er Anfang 2014 einen Freundeskreis für Flüchtlinge ins Leben rief, hätte er vielleicht selbst nicht geglaubt, welchen Anteil einige seiner Mitmenschen an den Schicksalen der Verfolgten nehmen werden.

in Ansprechpartner für jede Familie oder Person


Aktuell kümmern sich etwa 16 Ehrenamtliche um die Familien und Einzelpersonen, die in Trittau Antrag auf Asyl gestellt haben. „Damit hat fast jeder einen Betreuer an seiner Seite“, berichtet Sabine Rutsch, Mitarbeiterin im Amt für Soziale Hilfen. Sie ist überwältigt vom Einsatz der Bürger. „Als ich gestern per E-Mail anfragte, ob jemand einen Rollator übrig hat, stand wenige Stunden später einer vor meiner Bürotür“, berichtet Sabine Rutsch, die von einer Syrierin mit Gehproblemen um Hilfe gebeten wurde. Darum gekümmert habe sich Anne Düren, die auch jeden Mittwochnachmittag mit Sabine Baumgarten am Gymnasium Trittau Flüchtlingen Deutschunterricht gibt. „Die Teilnehmer machen große Fortschritte“, sagt Sabine Rutsch.
Exemplarisch ist die Eingewöhnung von Ali Reza. Der elf Jahre alte Junge wohnt neben Anne Düren. „Ich sah wie er alleine Fußball spielte.“ Düren stellte ihn Matthias Burmeister vor. Mittlerweile ist Ali Reza beim TSV unersetzbar. Auch schulisch machte der junge Afghane enorme Fortschritte. „Ein Jahr nach seiner Ankunft besucht der Elfjährige die fünfte Klasse des Gymnasiums“, berichtet Anne Düren, die an ihm vor allem seine sympathische Art schätzt. Die positiven Wendungen sind für den Amtsvorsteher Ergebnis des Lebens der Migranten im Herzen der Gemeinde. „In vielen Fällen hat sich ein persönliches Vertrauensverhältnis entwickelt und eine gewisse Sicherheit für den Alltag.“
Geld hat das Amt nicht viel, um beispielsweise Sprachkurse zu finanzieren: 3.000 Euro hat der Amtsausschuss, laut Borngräber in den Haushalt eingestellt. „Nach wie vor gibt es keine direkten finanziellen Zuschüsse des Kreises, des Landes oder Bundes.“
Dafür spenden Privatpersonen oder das Deutsche Rote Kreuz (DRK) Geld. „Die Mitglieder im Verein Kinder in Trittau (KIT) haben einen Sandkasten vorbeigebracht“, erklärt Sabine Rutsch. „Und diesen gleich aufgebaut.“ Auch das Amt bemüht sich mit zahlreichen Angeboten. So starten ab Februar an der Volkshochschule (VHS) Trittau zwei Deutschkurse. Einer richtet sich an Menschen mit Vorkenntnissen und einer ist vorgesehen für Männer und Frauen, die noch kein Deutsch sprechen. „Das Angebot ist für alle Migranten, wird aber zum großen Teil von Flüchtlingen besucht“ bestätigt Sabine Rutsch. „Die Kosten für den Unterricht trägt das Amt“, so die Verwaltungsmitarbeiterin. Die Flüchtlinge müssen nur die Bücher bezahlen.
Axel Schulz, 1. Vorsitzender des Trittauer Sportvereins (TSV) berichtet, dass etwa ein Drittel aller Asylanten bereits in den Sparten Fußball, Tennis, Leichtathletik oder Schach trainiert. „Das ist unser Zeichen gegen Pegida“, sagt er. Die Beiträge der ersten drei Mitgliedschaftsmonate übernehme der TSV. „Gebühren für Kinder und Jugendliche werden über den Bildungsgutschein abgedeckt.“
Vor allem die Jüngeren hätten sich wunderbar eingefunden, meint Schulz. Einer von ihnen ist Ali Reza, der laut Fußballobmann Matthias Burmeister, ein echtes Talent sei. „Der Verteidiger bringt beste körperliche Voraussetzungen mit, um ein Top-Spieler zu werden.“
Klar sei es nicht immer einfach mit der Verständigung, sagt Matthias Burmeister. „Wir behelfen uns halt mit Händen und Füßen.“ Auch Missverständnisse aufgrund unterschiedlicher Mentalität können passieren. „Einmal kam eine Gruppe Männer in unsere Geschäftsstelle und forderte, in die Sportkurse aufgenommen zu werden“, erinnert sich TSV-Vorsitzender Schulz. Solche Momente seien befremdlich, obwohl de Sportverein offen für Neuankömmlinge sei.
Um Brücken zwischen den Nationen zu schlagen sind Kulturmittler im Einsatz, die Dari und Arabisch sprechen, die Muttersprachen der Flüchtlinge.
Bis Ende 2015 sollen dem Amt weitere 80 Flüchtlinge zugewiesen werden. Und genau da sieht Ulrich Borngräber ein Problem, denn trotz intensiver Suche findet die Verwaltung nur schwer weiteren Wohnraum. „Borngräber beklagt, dass viele Immobilienbesitzer Vorurteile besäßen und deshalb nicht vermieten oder verkaufen wollen. (Mitarbeit: vik)

Wer helfen will, könne sich unter 0170/ 380 10 02 melden
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