Sorgen einfach wegwerfen

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Kurs-Leiterin Monica Deters (schwarz gekleidet) machte es vor, die anderen warfen mitFotos: M. Keil
 
Bevor es mit dem Wasserbomben-Werfen losging, notierten sich die Frauen für sich, was sie gerne loswerden würden

Ein ungewöhnlicher Workshop – das WochenBlatt war dabei

Von Manuela Keil
Bargteheide. Wasserbomben werfen und damit symbolisch eigene Sorgen loswerden: Ich war gespannt, das klang interessant, ungewöhnlich und versprach in jedem Fall eine neue Erfahrung zu werden.
Dem Ruf zum Workshop bei Trainerin Monica Deters in Bargteheide waren trotz des wunderbaren Sommerabends über 20 Frauen gefolgt. Ich mitten unter ihnen. Los ging es zunächst mit etwas Theorie. Wir fragten uns, was wollen wir auf keinen Fall loslassen. Ich dachte bei der Frage sofort an mein Pferd, die schönen Stunden mit ihm in der Natur, an wunderbare Erinnerungen, liebe Menschen, aber auch an die eigene Kraft, Dinge und Entscheidungen anzugehen. Auf die Frage, was wir in unserem Leben loslassen müssen oder mussten, fiel mir sofort ein Job vor 20 Jahren ein, der Partner, die Scheidung, schmerzlich, auch wenn ich die Trennung selbst initiiert hatte. Die anderen Frauen warfen folgende Stichworte in den Raum: Lebenspläne, Wohnort, Gewohnheiten, Stress, Ärger, Wut, Selbstzweifel, schlechtes Gewissen, Vorurteile, Pfunde, Ängste, Verstorbene, Kinder, Partner. Spannend, was das gemeinsame Nachdenken und Sammeln alles zu Tage förderte.
Monica Deters sprach von den vier Phasen des Loslassens: Akzeptanz, Schmerz zulassen, Abschied nehmen, auf zu neuen Ufern. Deters berichtete sehr offen von eigenen schmerzlichen Abschieden und Verlusten, aber auch von Erlebnissen, die sie in ihre Kraft brachten und in die Selbstständigkeit als Coach.
Loslassen durch Wasserbomben: Das probierte WochenBlatt-Autorin, Manuela Keil mit 20 weitere Frauen vorm Stadthaus. Hier ihre Eindrücke von der - kostenfreien - Aktion durch Coach-Expertin Monica Deters:
Bevor der praktische Teil beginnt, müssen wir uns sieben Weh-Fragen stellen, die weh tun: Was muss oder will ich loslassen? Warum? Wann will ich loslassen, und welchen Ersatz erhalte
ich dafür? Dass auch ein Nichts ein schöner Ersatz sein kann, wie Monica Deters sagt, auf dem Gedanken muss ich noch länger herumkauen. Und dann die spannendste Frage: Wie kann ich konkret loslassen? Welcher symbolische Akt kann helfen?
Da sind wieder wir Teilnehmerinnen gefragt. Man kann ein Bild malen und dieses vergraben. Man kann die Perspektive wechseln – zum Beispiel statt beim Tod eines Freundes zu fragen, „warum hat er mich verlassen“, eher denken, „wie wunderbar, dass wir so eine schöne Zeit zusammen hatten“. Aber man kann auch schlicht die Situation annehmen, sie mental abarbeiten, üben, kleine Schritte machen oder sich Unterstützer beim Loslassen suchen. Man muss nicht alles allein schaffen, das habe ich bereits in meinem Leben gelernt. Dann kommen wir dem mit Spannung erwarteten Moment näher. Es geht raus ins Freie und an die Wasserbomben. Zuvor hat jede von uns drei Wünsche notiert: Das will ich heute loswerden. Draußen greift sich jede Teilnehmerin – zunächst zögerlich – einen mit Wasser gefüllten Ballon.

Ein völlig neues Gefühl

Und schreibt den ersten Wunsch darauf. Ich nehme einen roten Ballon. Er fühlt sich seltsam weich und wabbelig an. Dann nehme ich Aufstellung. Wir haben eine rote Backsteinwand vor uns: Und los geht es: jede wirft ihre erste Wasserbombe. Platsch, der Ballon zerschellt mit einem satten Geräusch an der Wand, und das Wasser läuft herunter. Ein völlig neues Gefühl! Ich nehmegleich drei weitere rote Ballons. Ausholen und werfen. Platsch, flitsch und kaputt!
Plötzlich löst sich etwas in mir, ich muss lachen. Und kann gar nicht genug kriegen. Flitsch, als ein kleinerer Ballon nicht kaputtgeht, sondern nur herunterfällt, bin ich enttäuscht. Und finde eine neue Lösung: Mit Wucht werfe ich die Bombe vor mir auf den Boden. Wie gut das kracht! Zong – und weg mit den Sorgen, den inneren Blockaden und alten Mustern, die mich nur einengen im Leben. Wie gut das körperlich tut! Irgendwie befreiend. Und die kindliche Freude dabei! Warum gönnen wir Erwachsenen uns nicht viel häufiger einen Ausflug in unsere Kindlichkeit?
Ähnlich scheinen sich die anderen Frauen zu fühlen. Überall sehe ich fröhliche Gesichter. Anfangs einander fremde Frauen kommen miteinander ins Gespräch. „Es hat Spaß gemacht“, sagt eine Teilnehmerin. „Ich fühle mich jetzt leichter“, meint eine andere. „Ich habe die Last in meiner Hand gespürt, und diese dann weggeworfen“, beschreibt eine dritte Frau ihr Erleben.

Erleben mit allen Sinnen

Auch wenn danach nicht alle Sorgen und Ängste verschwunden sind, das Gefühl, etwas für sich getan zu haben, bleibt. Auch Tage später noch. Und ebenso die Erfahrung, dass mir körperlicher Einsatz und Erleben mit allen Sinnen gut tut. Denken tue ich genug. Das verlangt geradezu einen Ausgleich.
Der Mensch braucht etwa 50 Impulse, bis er tatsächlich in die Veränderung geht, sagt Monica Deters. Ein erster Schritt ist gemacht: Jede von uns Frauen hat etwas an dieser roten Wand zurück gelassen. Ich auch. (mkei)
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1 Kommentar
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Katja H. Renfert aus Rotherbaum | 26.07.2013 | 11:25  
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