„Genieße Ritt auf der Rasierklinge“

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Walter Röhrl (r.) und Beifahrer Christian Geistdörfer Foto: Porsche

Walter Röhrl über seine PS-Passion

Wochenblatt: Herr Röhrl: Welche Bedeutung haben Rennwagen für Sie?
Walter Röhrl: Mein älterer Bruder hat mir die Faszination von sportlichen Fahrzeugen näher gebracht. Es war für mich das Größte, mit ihm unterwegs zu sein. Später war es Arbeitsgerät. Bis heute ist die Passion für Rennfahrzeuge aller Kategorien und Klassen erhalten geblieben. Ich liebe es, die Leistungsfähigkeit eines Fahrzeuges auszuloten und am Limit zu bewegen.

WB: Was verbindet Sie emotional heute noch mit dem Kleint RS Ford Capri?
Röhrl: Für mich ist es eine Zeitreise. 1971 hatte ich meinen ersten Vertrag unterschrieben und verschiedene Rallyes bestritten. Bei der Olympia Rallye 1972, die von Kiel nach München führte, war die gesamte Elite am Start. Auf der ersten Wertungsprüfung konnte ich Bestzeit fahren. Diese wurde von der Pressestelle ignoriert, da man das als Zeitnahmefehler wertete. Das wurde dann aber später korrigiert, nachdem ich mehrfach Spitzenzeiten gefahren war. Ein völlig unbekannter junger Mann aus Bayern hatte in der Weltspitze Zeichen gesetzt.

WB: Sie gelten als Perfektionist unter den Rennfahrern. Was zeichnet einen Perfektionisten aus?
Röhrl: Akribisches Arbeiten an Details, unermüdliches Streben nach Verbesserung und die Selbstverständlichkeit alles, aber auch wirklich alles, diesem großen Ziel unterzuordnen. Mir macht es einfach riesig Spaß und ich genieße es trotz fortgeschrittenen Alters, den Ritt auf der Rasierklinge. Fahrdynamik gepaart mit hoher Leistung hat mich immer magisch angezogen. Kamen widrige Umstände, wie Regen oder Nebel hinzu, habe ich es geliebt. Die Herausforderung hat mich zusätzlich motiviert.

WB: Wie hat sich die Rallye-Branche heute im Vergleich zu den 80er-Jahren verändert?
Röhrl: Zu meiner Zeit war der Rallyesport populärer als die Formel 1. Mehrere 100 Zuschauer bevölkerten die Sonderprüfungen der WM Läufe. Alles war offen und zugänglich. Die Fahrzeuge der Gruppe B hatten filigrane Technik und 500 PS. Der Sound zauberte Gänsehaut und die Nachtprüfungen stellten hohe Anforderungen an die Teams. Die Fans zelebrierten ihre eigenen Feste im Wald und goutierten die hohe Leistungsdichte bei den Fahrern. Ihre Liebe erdrückte den Sport, nachdem die Sportbehörde notwendige Sicherheitsvorkehrungen vernachlässigt hatte. Das neue aktuelle Format hat den Rallyesport grundlegend verändert. Ich möchte das nicht kommentieren, denn es wird mir gerne als ewig gestrige Einstellung angedichtet. Nur so viel: Ein Reifenreglement, das die Sicherheit der Teams und Zuschauer gefährdet, muss ersetzt werden, und der Rallyesport ist kein „TV Live-Format“.

WB:
Was können Sie jungen Rallye-Fahrern raten? Wir wird man heute Weltmeister?
Röhrl: Ja mei, wenn‘s da ein Rezept geben würde. Fahren, Fahren, Fahren. Üben, üben und immer wieder auf selektiven Strecken die Herausforderung annehmen. Titel kann man nicht planen, aber Engagement, großer Fleiß , Erfahrung und Fokussierung sind das Rüstzeug. Ohne Unterstützung der Industrie wird es aber ein Traum bleiben, denn die Kosten sind enorm hoch. (M.Keil)

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