Andere Wahrnehmung - Autismus

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Jeder Mensch nimmt Dinge, Situationen oder Menschen anders wahr. Keine Wahrnehmung gleicht der nächsten, da hierbei auch Dinge wie Vorerfahrungen eine Rolle spielen. Dennoch laufen Wahrnehmungen in der gleichen Reihenfolge und nach den gleichen Grundprinzipien statt – aber nicht bei Autismus.

Wahrnehmungen beginnen mit dem Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen. Diese Sinnesreize, die der Mensch aufnimmt, werden weiter zum Gehirn geleitet um hier in den entsprechenden „Schubladen“ abgelegt zu werden. Im Idealfall finden einkommende Sinneseindrücke in den Schubläden bereits Ereignisse oder Erfahrungen, die das Ablegen der Informationen erleichtern. Diese Eindrücke werden somit in den Schubläden abgelegt, in denen bereits ähnliche Ereignisse abgelegt sind und werden mit diesen erweitert und verbunden. Danach verknüpft das Gehirn alle Informationen zu funktionstüchtigen Handlungen oder Reaktionen. Dies geschieht in Bruchstücken von hundertstel Sekunden, ohne das wir dies bemerken oder Einfluss darauf nehmen könnten. Trotz der Schnelligkeit der Informationsverarbeitungen ergeben sich aus vielen Puzzelsteinen der Sinneseindrücke große und vollständige Puzzel.

Bei Menschen mit Autismus funktioniert die Sinneswahrnehmung und Verarbeitung nicht als direkter Weg von vielen kleinen Puzzelsteinen zu einem großen Puzzel innerhalb weniger hundertstel Sekunden - Autisten puzzeln länger an einzelnen Puzzelsteinen, bevor ein großes Puzzel entsteht.

Autistische Menschen verfügen über eine verzerrte - andere Informationswahrnehmung und Verarbeitung, welches sich in vielen unterschiedlichen Situationen des täglichen Lebens zeigt. Autisten, egal ob schwer oder leicht betroffen, nehmen sich und ihre Umwelt anders war und reagieren somit auch anders auf sich und ihre Umwelt.

Die Sinneswahrnehmungen von autistischen Menschen werden nicht als Ganzes vorverarbeitet, in dem das Gehirn die einkommenden Informationen in den Schubläden ablegt, in denen sich bereits ähnliche Erfahrungen befinden. Sie Sinneseindrücke gelangen bei Autisten als lose Puzzelstücke in das Gehirn und können nicht an die entsprechenden Schubläden „andocken“. Dies führt u. a dazu, dass Autisten Schwierigkeiten haben, das große Ganze zu sehen und Zusammenhänge herzustellen.

Im Fall der losen Puzzelstücke muss das Gehirn erst mühsam anfangen zu puzzeln, ( Randteile sortieren und zusammensetzen, Innenteile sortieren und die passende Stelle finden - manchmal ist auch ein Puzzelteil kaputt und muss erst geklebt werden ) und dies betrifft alle Sinneseindrücke und zwar immer.

Durch dieses mühevolle Zusammenpuzzeln verlieren die Betroffenen wertvolle Zeit und ein Puzzel kann durchaus auch erst nach Tagen oder Wochen zusammengepuzzelt sein ( muss ein Puzzelteil erst geklebt werden, kann es noch länger dauern ).

Kommen darüber hinaus zu viele Puzzelsteine auf einmal im Gehirn an, „stauen“ sich die Informationen zu Bergen auf, was die Verarbeitung wiederum erschwert und noch mehr Zeit in Anspruch nimmt. Braucht das Gehirn zu lange, um die Puzzelsteine zusammen zu setzten, schaltet das Gehirn ab – es läuft „heiß“, was sich durch Aggressionen, in sich zurück ziehen, Stereotypien, Geräusche oder Schreien äußert kann.

Diese veränderten Wahrnehmungen äußern sich dann als Ergebnis in den Handlungen und Reaktionen.
Den Betroffenen fehlt häufig „ das große Ganze“, da sie keinen Zusammenhang herstellen können. Die sogenannte zentrale Kohärenz sorgt dafür, die der Mensch sich und die Umgebung, sowie die stattfindenden Handlungen im Zusammenhang sehen kann. Z. B ein Baby hat geweint und vom Weinen ein nasses Gesicht. Sieht ein autistisches Kind nun das Baby mit nassem Gesicht kann es vorkommen, dass es fragt, woher das nasse Gesicht kommt, man hätte das Baby doch gar nicht gewaschen.

Eine weitere wichtige Funktion ist die Exekutive Funktion. Diese sorgt dafür, dass der Mensch Handlungsabläufe planen, organisieren und das Endergebnis zumindest erahnen kann. Da vielen autistischen Menschen aber der Zusammenhang der Dinge nicht klar ist, können sie nicht ihre Handlungen planen und organisieren, geschweige denn, das Ergebnis vorhersagen.

Die „Theory of Minds“ ist die Fähigkeit der Perspektivenübernahme. Kinder lernen im Laufe ihres Lebens, dass andere Menschen andere Gedanken denken und andere Gefühle fühlen, sowie andere Wünsche hegen und man nicht gleicher Meinung sein muss. Autistische Menschen haben hiermit oftmals große Schwierigkeiten. Sie lernen nur sehr schwer, die Mimiken und Gestiken ihres Gegenübers zu entschlüsseln, was dazu führt, dass sie sich immer Unsicher in Gegenwart fremder Menschen fühlen. Sie lernen ebenfalls nur schlecht sich in die Tatsache zu versetzen, dass andere Menschen fühlen und denken und Wünsche haben, die nicht ihren eigenen entsprechen. Zur „Theorie of Minds“ gehört ebenfalls die Fähigkeit, eigene Gefühle zu äußern und zu zeigen, was Autisten ebenfalls oftmals vor große Schwierigkeiten stellt.

Eine Übung, sich in die „Wahrnehmungswelt“ von Autisten hinein zu versetzen stammt aus „Ach, so geht das“ von Roswitha Defersdorf entnommen.

„ Malen sie einen großen Stern mit vielen Zacken auf ein Blatt Papier. Nun malen sie die Striche des Sterns noch mal nach, verdecken den Blick auf das Papier aber mit einem Karton und halten einen Spiegel so, dass sie den Stern spiegelverkehrt herum sehen. Nun steigern sie dieses „Erlebnis“, in dem sie sich von einer zweiten Person „ermahnen“ lassen. „Mach doch schneller“, „beeil dich mal“, „trödel nicht so“.

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