Hamburg: „Unsere Generation hat Improvisieren gelernt“

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Im neuen Buch „Stadtgespräche aus Hamburg“ wird auch „Tafel“-Gründerin Annemarie Dose porträtiert

Hamburg. Was kommt heraus, wenn eine gebürtige Hamburgerin Menschen ihrer Heimatstadt porträtiert, die ganz unterschiedlich in ihren Quartieren wirken und viel zu Hamburg zu sagen haben? Ein neues, lesenswertes Buch: „Stadtgespräche aus Hamburg“ heißt der Band von Nina Paulsen, der im März als Hamburg-Ausgabe einer neuen bundesweiten Buch-Reihe erschienen ist (siehe Kasten). Das Hamburger Wochenblatt druckt daraus einen Auszug vom Porträt von Annemarie Dost (85), der Gründerin der Hamburger Tafel.

„Es ist schon ein paar Jahrzehnte her, da hatte es mit den Menschen in Hamburg eine besondere Bewandtnis. Das gehobene Bürgertum in der traditionsreichen Hansestadt teilte die Bewohner nämlich in drei Kategorien ein, um festzulegen, wer ein wahrer Hamburger sei – und wer sich nur ein bisschen als ein solcher fühlen dürfe. Die erste Gruppe: die geborenen Hamburger. Das waren all jene, die in mindestens dritter Generation in der Hansestadt zur Welt gekommen waren. An zweiter Stelle standen die gebürtigen Hamburger. Sie waren zwar hier geboren, ihre Vorfahren jedoch nicht. Die dritte Kategorie bildeten die Zugereisten, die noch heute halb liebevoll, halb spöttisch „Quiddjes“ genannt werden. Zu früheren Zeiten waren die Quiddjes aber auch diejenigen, über die manch konservativer Hanseat seine vornehme Nase rümpfte. Annemarie Dose ist so ein Quiddje. Zumindest von der Theorie her. Denn sie stammt aus einem Dorf nahe Meißen und damit aus Sachsen – und sie hat eine gewisse Distanz stolzer Hamburger ihr gegenüber zu spüren bekommen, als sie 1952 in die Hansestadt kam. (...)
Im November 1994 gründete sie die „Hamburger Tafel“ und trug maßgeblich dazu bei, dass sich die Idee, Lebensmittel an Bedürftige zu verteilen, in ganz Deutschland durchsetzte. Sie ist dafür Klinkenputzen gegangen bei lokalen Unternehmen, hat Spenden gesammelt, Zeit und Arbeit investiert. Dafür hat Ami, wie sie von allen genannt wird, höchste Auszeichnungen erhalten: den Hamburger Max-Brauer-Preis etwa oder das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, das sie jedoch in der untersten Schublade in ihrem Wohnzimmerschrank aufbewahrt. „Aus solchen Ehrungen mache ich mir überhaupt nichts“, sagt sie ziemlich energisch. „Die Tafeln würden vor allem ohne die vielen Helfer nicht funktionieren.“ Das stimmt. In dem mittlerweile 1.200 Quadratmeter großen Lebensmittel-Lager in der Bramfelder Straße in Barmbek engagieren sich mehr als 100 Freiwillige. (...)
„Unsere Generation hat gelernt zu improvisieren, immerhin sind wir in einer Notzeit groß geworden.“ Als Hamburg sich endlich öffnete und Ami in einer Familie unterkam, die ein Reformhaus betrieb, lernte sie über ihre Chefin Herbert Dose kennen, der donnerstags zum Canastaspielen zu ihnen kam. Zwei Jahre später heirateten sie. „Seine Familie war eine erzkonservative Hamburger Familie“, sagt Ami. „Und dann kam ich als Quiddje dazwischen. Das haben sie mich so manches Mal spüren lassen.“ Zusammen baute das Paar das Haus aus gelbem Klinkerstein in Volksdorf, in dem Ami noch heute wohnt. „Ich habe mich während unserer Ehe um Haus, Garten und Familie gekümmert“, erklärt sie, „wie es damals eben war.“ Als sie 66 Jahre alt wurde, starb ihr Mann. „Ich habe mich gefragt: Was machst du jetzt? Ich wollte nicht das tun, was andere in meiner Lage machten, also Schiffsreisen, Golf spielen oder so ein Zeug. Ich musste etwas tun, bei dem ich abends wusste, dass jemand anderes einen Nutzen davon hat. Ich wollte etwas tun, das Sinn und Zweck hat.“ Im Fernsehen sah sie einen Bericht über die „Berliner Tafel“, die sich gerade frisch gegründet hatte, und erfuhr, dass die Idee aus den USA kam. „Ich wusste sofort: Das ist es!“ (...) In Hamburg hat die Tafel seit 2009 ihr großes Lager in der Bramfelder Straße 102, bis zu 60 Tonnen Lebensmittel laufen hier jede Woche durch und versorgen rund 80 soziale Einrichtungen in der Stadt (...) Als Ami Dose sich Ende 2012 im Alter von 84 Jahren in den Ruhestand verabschiedete, nannte der Sozialsenator der Hansestadt sie in einer Rede bei einem eigens für Ami arrangierten Festakt „ein Vorbild“. Und nichts anderes ist sie, längst nicht mehr nur für die Hamburger. Quiddje hin, Quiddje her. (wb)

Verlosung
„Stadtgespräche aus Hamburg“ ist ein unterhaltsames, informatives Kaleidoskop mit 35 spannenden Porträts vom Alsterkapitän bis zum Micheltürmer, vom Abendblatt-Chefredakteur bis zum Planetariums-Macher. Das Buch von Journalistin Nina Paulsen (30) aus Hamburg, die bei der Berliner Morgenpost arbeitet, erscheint im Gmeiner Verlag (192 Seiten, 14,99 Euro). Das Wochenblatt verlost fünf Bücher! Schreiben Sie bis zum 2. April eine Mail mit dem Betreff „Stadtgespräche aus Hamburg“ und unter Angabe Ihrer Telefonnummer an gewinnspiel@hamburger-wochenblatt.de Das Los entscheidet, der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
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