Blasser statt weiser Nathan

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Nathans Tochter Recha (Paula Bierind) liebt den christlichen Tempelherren (Jonas Minthe) Foto: Oliver Fantitsch

Inszenierung von Lessings Drama im Ernst Deutsch Theater enttäuscht

Barmbek/Uhlenhorst „Nathan der Weise“ steht wieder einmal auf dem Programm des Ernst Deutsch Theaters. Der Klassiker über Toleranz zwischen den Gläubigen der drei monotheistischen Religionen, Christentum, Islam und Judentum von Gotthold Ephraim Lessing, heute aktueller denn je, wird gerade am Friedrich-Schütter-Platz immer wieder gern gespielt, zählte Namensgeber Ernst Deutsch doch zu den ganz großen Nathan-Darstellern. In Gotthold Ephraim Lessings starkem Stück, das 1783 uraufgeführt wurde, wirbt der Jude Nathan während der Kreuzzüge für Toleranz zwischen den Religionen, trifft sich mit Sultan Saladin. Nathans angenommene Tochter Recha verliebt sich in einen christlichen Tempelherren. In der aktuellen Inszenierung musste Regisseur Wolf-Dietrich Sprenger die Titelrolle übernehmen, die Markus Boysen krankheitsbedingt nicht spielen konnte. Der Schauspieler mit langer Erfahrung an Thalia-Theater und Schauspielhaus glänzt mit sprachlicher Exaktheit, bleibt in seinem Spiel aber blass, bewegt sich in Schlips und Anzug mit Aktentasche in der Hand wie ein unauffälliger Vertreter über den Boden aus brüchigen und zerbrochenen Holzplanken. Seiner Inszenierung fehlt die Wucht und Spannung des weltumfassenden Grundsatzthemas. Die oft nicht sonderlich überzeugenden Darsteller spielen Lessings Text eher spannungsarm herunter. Nur Jessica Kosmalla als flinke und raffinierte Daja und Jonas Minthe in der Rolle des von inneren Konflikten bewegten Tempelherren amüsieren beziehungsweise reißen mit. Die tödlichen Bedrohungen, die sich damals wie heute aus der ideologischen Vereinnahmung von Religionen ergeben, können in dieser Nathan-Inszenierung selten nachvollzogen werden. Zu lieb haben sich Nathan und Sultan Saladin. Lediglich vom Christentum geht hier glaubwürdig Gefahr aus, bedingt durch den skurrilen Auftritt von Helmut Schories, hart am Rande der Karikatur, als Jerusalemer Patriarch, der Nathan gleich auf den Scheiterhaufen schicken will, im Zusammenspiel mit dem starken Jonas Minthe. Achim Römer hat wieder einmal ein eindringliches Bühnenbild geschaffen. Hinter dem brüchigen Holzboden erhebt sich eine mit vielen Schriftzeichen verschiedener Sprachen bekritzelte Wand, durchzogen von einem blutroten Streifen. „Bibel“, „Engel“ und „Liebe“ lässt sich lesen. Darüber das christliche Kreuz, der jüdische Davidstern und der islamische Halbmond. Und auf dem Boden steht auch mal: „Juda verrecke“, eine der wenigen Hinweise aus neuerer Zeit. (ch)

„Nathan der Weise“ wird noch bis 30. Oktober im Ernst Deutsch Theater, Friedrich-Schütter-Platz 1, gespielt. Karten unter Telefon 22 70 14 20 und www.ernst-deutsch-theater.de
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