„Autofahrer nicht aus alter Gewohnheit bevorzugen“

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Der Kreisel in der Fuhlsbüttlerstraße ist Streitpunkt im Stadtteil. Autofahrer ignorieren hier oft FußgängerFoto: wb
 
Harald Rösler ist Bezirksamtsleiter in Hamburg-Nord Foto: wb

Bezirksamtsleiter Rösler über Kreisverkehre, Radfahrer und Barmbeks Bauboom

Fortsetzung von Seite 1.
Bezirksamtsleiter Harald Rösler (SPD) sprach mit dem WochenBlatt über Wohnungsbau und Verkehr
WB: Herr Rösler, Barmbek wird immer beliebter, der Wohnraum knapper. Besonders ärgerlich ist in diesen Zeiten auch ein Leerstand zu Spekulationszwecken...
Rösler: Wir befassen uns derzeit intensiv mit dem neuen Wohnraumschutzgesetz. Das Gesetz, das am 1. Juni in Kraft trat, legt fest, dass Leerstand über vier Monate hinaus eine anzeigepflichtige genehmigungsbedürftige Zweckentfremdung darstellt. Bis vor einigen Jahren gab es bereits diese Anzeigeverpflichtung. Sie wurde aber von manchen Verfügungsberechtigten ignoriert. Wir müssen uns jetzt auf die neue Situation einstellen. Ich erwarte aber keine Wunder.

WB: Zahlreiche Bauvorhaben rund um die Fuhle werden die Geduld der Barmbeker in den nächsten zwei Jahren auf eine harte Probe stellen. Der Neubau des Hertie-Hauses, der VBG-Zentrale, der Telekom und der Zinnschmelze, die Umgestaltung des Stadtplatzes, Bahnhofs und der Fuhlsbüttler Straße – all das wird mehr oder weniger parallel laufen. Wie soll das funktionieren?
Rösler: Wir haben anspruchsvolle und tolle Veränderungen vor uns, und jede einzelne für sich wäre gut zu händeln, aber das Problem ist in der Tat die Gleichzeitigkeit. Da muss es eine Koordinierung, ein übergreifendes Baustellenmanagement geben. Am Ende kann diese Koordination eigentlich nur vom Bezirk veranlasst werden. Inzwischen haben wir ein Bild, wonach wir unsere Partner BIG-Städtebau und die IG Fuhlsbüttler Straße mit einer solchen Managementaufgabe betrauen und sicherstellen wollen, dass die diversen involvierten Bauherren diese Koordinationsfunktion nicht nur akzeptieren, sondern sie auch aktiv mit unterstützen.

WB: Schon jetzt ist die Situation mit den beiden Kreisverkehren und der Kreuzung Fuhle / Drosselstraße schwierig und gefahrenträchtig: Fußgänger und Radfahrer fühlen sich in ihrer Sicherheit beeinträchtigt. Die Bauvorhaben werden diese Situation doch noch verschärfen.
Rösler: Ich glaube, dass alles rund um diesen Bereich mit Beginn der Bauarbeiten auf den Prüfstand muss, auch der Kreisverkehr, und manches muss gegebenenfalls mit Blick auf geänderte Anforderungen überarbeitet werden.

WB: Die Polizei hat erklärt, es gebe keinen Handlungsbedarf.
Rösler: Ich habe inzwischen an mehreren Stellen im Bezirk Situationen lokalisiert, wo es teilweise langjährige Auseinandersetzungen deshalb gibt, weil konkret erörterte Sicherheitsprobleme nicht im Einklang mit den einschlägigen rechtlichen Regelungswerken stehen. Die Straßenverkehrsbehörde weist darauf hin, dass sie gehalten ist, stets gerichtsfeste Entscheidungen zu treffen und agiert deshalb mitunter restriktiv. Ich werbe dafür, an dieser Kante im Zweifelsfall etwas mutiger anzutreten.

WB: Was bedeutet das für die Fuhle?
Rösler: Ich kann die Besorgnisse, insbesondere älterer Verkehrsteilnehmer, hinsichtlich des Kreisels gut nachvollziehen. Man muss nun überlegen, ob man eine pragmatische Antwort auf das Problem finden kann. Rechtlich im Sinne der reinen Lösung ist da wohl nichts möglich.

WB: Und wie sieht die Situation an der Krausestraße aus? Dort ist Fahrradfahren lebensgefährlich.
Rösler: Es gibt Anträge von der SPD / FDP im Stadtentwicklungsausschuss und von den Grünen im Bezirk für einen Fahrradstreifen in der Krausestraße. Ich selber fordere das auch, weil ich mit dem Ergebnis in der Alsterkrugchaussee, in der wir seit diesem Frühjahr einen Fahrradstreifen eingerichtet haben, hoch zufrieden bin.

WB: Die Krausestraße hat ein sehr hohes Verkehrsaufkommen, ein Fahrradstreifen bedeutet de facto die Einführung einer einspurigen Verkehrsführung für Pkw. Ist eine solche Verengung nicht sehr stauträchtig?
Rösler: Ich habe die Verkehrsbelastung auf der Krausestraße nicht detailliert im Kopf. Aber man fährt ja dort nicht richtig zweispurig, sondern meist eher versetzt, weil es eben keine zwei echten Fahrstreifen gibt. Man fährt sozusagen mit der Angst im Nacken. Das ist sehr gefährlich. In der Alsterkrugchaussee wurde genauso gefahren.
Jetzt funktioniert das dort reibungslos, staufrei und entspannt einspurig. Wir wollen ja keine autofahrerfeindliche Politik machen, sondern möglichst eine Win-Win-Situation für alle Verkehrsteilnehmer schaffen. Das erhöht die Verkehrssicherheit. Am besten wäre es natürlich, wenn die Leute aufs Rad umstiegen, nicht, weil es mit dem Auto so schlecht geht, sondern mit dem Radfahren so gut ist.

WB: Was halten Sie denn vom Hamburger Fahrradkonzept?
Rösler: Das ist voller wunderbarer Ansätze, aber es bleiben meist sehr begrenzte örtliche Lösungen. Wir Bezirksamtsleiter hatten in Kopenhagen die Gelegenheit, uns dort die Fahrradkultur anzuschauen und sind alle begeistert zurückgekehrt. Der Autoverkehr steht zur Zeit im Vordergrund, dann kommt das Rad, dann die Fußgänger. Wenn es dann beim Verkehrsraum z.B. eine Restmenge von einem halben Meter gibt, wird der bisher im Zweifelsfall oft den Autos zugeschlagen. Wir sind der Meinung, dass dieser halbe Meter zukünftig eher den Radfahrern und Fußgängern zugeordnet werden soll. Man sollte die Autofahrer nicht knebeln, aber sie auch nicht mehr aus alter Gewohnheit regelmäßig bevorzugen.
Das Interview führte Mischa Leuschen
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