Backstein-Erbe in Gefahr?

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Ungewöhnliche Lösung: Bei diesem denkmalgeschützten Gebäude der Saga in der Jarrestadt in Winterhude soll ein Schleppdach aus Glas vor der Fassade installiert werden. Experten sehen darin die einzige Möglichkeit, um die Backsteinfassade zu retten und Schimmel in den Wohnungen künftig zu verhindern. Fotos: Gemeinholzer
 
Über Hamburgs Zukunft als Backsteinstadt diskutierte Ulrike Sparr (vorn links) vom Jarrestadt-Archiv mit Cordula Ernsing (Bezirksamt Nord) sowie (hinten von links) Dr. Geerd Dahms (Gutachter Denkmalschutz), Oberbaudirektor Professor Jörn Walter, Frank Pieter Hesse (Leiter Denkmalschutzamt) und Saga-Vorstand Willi Hoppenstedt.

Energetische Sanierung verändert das Stadtbild – und verfehlt laut Experten ihr Ziel

Hamburg-Nord. Hamburg ist Backsteinstadt – aber wie lange noch? Darüber waren die Meinungen geteilt bei einer Podiumsdiskussion in der Stadtteilschule Winterhude, zu der Ulrike Sparr vom Jarrestadt-Archiv mit Denkmalschützern, Oberbaudirektor und Saga-Vorstand die wesentlichen Akteure an einen Tisch geholt hatte. Mit Fragen und Kritik beteiligten sich mehrheitlich Bewohner von Backstein- und Klinkerbauten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – die im Zuge energetischer Sanierung derzeit en Masse hinter Rundum-Verpackungen verschwinden.
„Wir leben in der Jarrestadt in einem größtenteils denkmalgeschützten Quartier, das nicht nur in der Fachwelt hochgerühmt ist als Beispiel qualitätvoller Wohnbebauung. Dennoch: Das Viertel kommt in die Jahre. Durch viele Fassaden regnet es durch“, benannte Geschichtsexpertin Sparr die Probleme. Etliche Bauherren in der Jarrestadt hätten bereits reagiert und kräftig saniert. „Schließlich wird die Sanierung durch die KfW-Bank gefördert, und Vermieter können die Kosten durch die Mieten wieder umlegen.“
Dass durch Sanierung alte Fassaden verschwinden, sei ein stadtweites Problem, stellte Oberbaudirektor Professor Jörn Walter klar. „In Wahrheit reden wir über die Hälfte der Stadt. Was jetzt zur Disposition steht, ist Hamburg als Backsteinstadt.“

Wem nützt es?

„Wem nützt die energetische Sanierung eigentlich?“, fragte Dr. Geerd Dahms, Fachgutachter Denkmalschutz, provokant. Und hatte die Profiteure schnell ausgemacht: „Einmal den Energieberatern, Baustoff- und Chemieindustrie verdienen kräftig mit, außerdem Handwerksbetriebe und Klimaanlagenhersteller.“ Mit den Kosten der energetischen Sanierung würden neben den öffentlichen Haushalten vor allem Mieter belastet.
„Für die Mieter ist das wirklich ein Problem, dass sie nicht so viel an Heizkosten sparen“, sagte auch Cordula Ernsing vom Bezirksamt Nord. „Es hat sich nicht so gerechnet, wie man anfangs geglaubt hat.“
Saga-Vorstand Willi Hoppenstedt widersprach der Behauptung immenser Mietsteigerungen und verwies darauf, dass die Durchschnittsmiete bei der Saga/ GWG derzeit 5,85 Euro betrage – trotz tausender bereits sanierter Wohnungen. „Wir haben den wichtigen gesellschaftlichen Auftrag, dem Klimawandel entgegenzuwirken. Wir müssen die Energieverbräuche reduzieren“, verteidigte Hoppenstedt die Sanierungsanstrengungen.
„Das ist nichts anderes als ein tolles Konjunkturprogramm“, sagte dagegen Zuhörer Norbert Stindt. „Das mit der Wärmedämmung ist meiner Meinung nach ein vorgeschobenes Argument. Das ist eine billige Art, Fassaden zu sanieren, die kaputt sind und Wasser durchlassen“, so der Vorsitzende der Geschichtsgruppe Dulsberg.


„Wenn es sich um ein
Denkmal handelt, empfehlen wir, zunächst einmal Keller und Decken zu dämmen und eine neue Heizung einzubauen“,
Cordula Ernsing,
Bezirksamtsmitarbeiterin


Dass dadurch historische Fassaden unweigerlich zerstört würden, beklagte Denkmal-Gutachter Dahms. „Die Häuser verrotten von innen und sind von außen zerstört durch das Verkleben der Wärmedämmung auf der Fassade.“ Als Negativbeispiel führte der Experte das Bezirksamt Nord an: „Die Gelbklinker-Fassade ist von Algen überzogen und durch Betonplatten verunstaltet – nach zehn Jahren nur noch Schrottwert“, so sein vernichtendes Urteil.
Nicht zu unterschätzen sei zudem die Umweltbelastung durch energetische Sanierung: Chemikalien auf der Dämmfassade gelangten über Regen ins Grundwasser, und die enthaltenen Kunststoffe seien binnen zehn Jahren reif für die Sondermülldeponie, erläuterte der Gutachter. „Eine Katastrophe für die Umwelt.“ Mit einer neuen Richtlinie soll nun die Auswaschung von Giftstoffen verhindert werden, wie der Oberbaudirektor berichtete.
„Wir haben noch keine technisch ausgereifte Lösung, es ist noch viel Experiment dabei“, sagte Walter. So erkläre sich auch die ungewöhnliche Idee, bei einem Gebäude der Saga im Jean-Paul-Weg (Jarrestadt) ein Schleppdach aus Glas vor der denkmalgeschützten Fassade zu installieren. „Geboren ist die Idee aus Ratlosigkeit, weil wir nicht wissen, wie wir dieses Haus sonst retten sollen“, so Walter. Das Haus aus den 1920er Jahren verfüge über eine bedeutende Klinkerfassade und könne daher unmöglich gedämmt werden.
„Unsere Ziellinie ist, die 1920-er Jahre-Fassaden nicht zu dämmen“, erklärte der Oberbaudirektor. Einfache Lösungen könne es aber schon aufgrund des Zielkonfliktes zwischen den Erfordernissen des Denkmalschutzes, den Klimaschutzzielen für Hamburg und dem sozialen Ziel, dass Wohnen bezahlbar bleiben soll, nicht geben.

Förderung umgestellt

„Wenn es sich um ein Denkmal handelt, empfehlen wir, zunächst einmal Keller und Decken zu dämmen und eine neue Heizung einzubauen“, sagte Bezirksamtsmitarbeiterin Cordula Ernsing.
Um Bauherren dabei zu unterstützen, kaputte Backsteinfassaden möglichst hochwertig zu sanieren, hat die Stadt vor einiger Zeit die Förderung umgestellt: „Es gibt kein Geld mehr für Plastikverschalung, die sogenannte Meldorfer Fassade“, so Walter. Die Förderung für Klinkerriemchen sei dagegen deutlich erhöht worden. Genützt hat das offenbar nicht viel: „Bei uns in Horn sind Denkmäler verhunzt worden, weil die Klinkerriemchen so teuer sind“, sagte Zuhörer Gerd von Borstel, Vorsitzender der Geschichtswerkstatt Horn. „Wenn Bauherren das Geld ausgeht, wird das obere Stockwerk einfach verputzt – das verändert das Stadtbild total.“
Um solchen Sanierungssünden vorzubeugen, müsse das Fachwissen verbreitert werden, sagte Oberbaudirektor Walter. „Deshalb haben wir in Kooperation mit der Architektenkammer Backsteinberater ausgebildet, die in die Planung für Sanierungsverfahren mit einbezogen werden.“ (ag)
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