Barmbek nach dem Attentat

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Die Anteilnahme der Menschen in Barmbek vor dem Markt ist groß Foto: kg
 
Ein regelrechtes Blumenmeer wurde vor dem Edeka-Markt abgelegt Foto: kg
Hamburg: Fuhlsbüttler Straße |

Ein Viertel leidet und stellt Fragen. Auszeichnung für die „Helden“

Von Karen Grellund Thomas Oldach
Hamburg-Barmbek
Warum?“ steht mit Kreide auf den Asphalt geschrieben. Immer wieder bleiben Passanten stehen, machen Handyfotos von den vielen Blumen, Kerzen und Karten, die im Gedenken an die Opfer abgelegt wurden. Die Anwohner diskutieren, teils sehr aufgebracht. Noch immer sind das Entsetzen und die Trauer im Viertel rund um die Fuhlsbüttler Straße 188 groß. Langsam soll wieder Normalität einkehren, aber bis dahin ist es zweifellos noch ein weiter Weg.

Männer halten Täter fest

Denn auch heute überwiegen Fassungslosigkeit und Unverständnis über die Tat, die am vergangenen Freitag (28. Juli) geschah. Ein 26-jähriger Palästinenser war nach dem Kauf eines Toastbrots in einen Bus eingestiegen, der ihn nach Langenhorn ins Flüchtlingsheim am Kibittsmoor bringen sollte. Doch er stieg wieder aus. Ging zurück in den Edeka-Markt, holte sich ein Messer aus der Haushaltswarenabteilung und stach wahllos zu. Am Ende ist der 50-jährige Mathias P. tot, sechs weitere Menschen zum Teil schwer verletzt. Auf seiner Flucht wurde er von mehreren Männern gestoppt. Ihnen soll heute ein Preis für Zivilcourage verliehen werden.

Ahmad A. als Islamist bekannt

Inzwischen ist klar: Ahmad A. ist ein in den Vereinigten Arabischen Emiraten geborener Palästinenser, der im März 2015 nach Deutschland kam. Sein Asylantrag war 2016 abgelehnt worden. Er befand sich bereits im Ausreiseverfahren. Der 26-Jährige war den Sicherheitsbehörden als Islamist bekannt. Sie gingen aber nicht davon aus, dass von ihm eine unmittelbare Gefahr drohte. Er habe sich offenbar selbst radikalisiert und hatte psychische Probleme. Über diese Umstände waren die Behörden informiert. Nachbarn aus der Flüchtlingsunterkunft hätten ihn nach Medienberichten sogar schon vor Monaten als verhaltensauffällig gemeldet. Passiert ist nichts.

Parallelen zum Lkw-Attentat

Fragen nach Verantwortung der Politik und der Behörden kommen deshalb auch in Barmbek immer wieder auf. Warum war der Täter noch in Deutschland? „Ein weiteres Todesopfer, welches die Politik zu verantworten hat“, steht auf einem zwischen den Blumen abgelegten Zettel. Denn für viele tun sich Parallelen zum Lkw-Attentat am Berliner Breitscheidplatz auf. Auch dort hatte ein abgewiesener Flüchtling zugeschlagen. Zudem stellen viele Medien die Frage, ob Ahmad A. eventuell auch der „Alster-Mörder“ sein könnte. Im Oktober 2016 wurde der 16-jährige Victor E. nach einem Kinobesuch unterhalb der Kennedybrücke hinterrücks mit einem Messer angegriffen und erstochen. Seine Freundin wurde von dem bis heute unbekannten Angreifer in die Alster geschubst. Sie bleibt unverletzt. Viele Fragen – und aktuell wenig Antworten. Wichtig ist jetzt für die Menschen in Barmbek aber vor allem: Es muss trotz der grausamen Vorkommnisse wieder Ruhe einkehren. Und deshalb sagte auch eine Anwohnerin dem Wochenblatt: „So schlimm alles auch ist, wir sind Barmbek und werden weiter bei Edeka einkaufen!“

Das sagt die Psychologin

Jasmin Heinrich (46), Diplom-Psychologin aus Hamburg, zu Besuch in Barmbek: „In diesen Tagen habe ich auch an der Fuhle eingekauft. Ich weiß, dass so ein Erlebnis bei Passanten ein Trauma auslösen kann und schwer zu verarbeiten ist. Die Bilder bleiben lange im Kopf und können Schlafstörungen auslösen, bis zu Angststörungen und Depressionen führen, wenn sie nicht aufgearbeitet werden. Man sollte ruhig die psychologische Beratung in Anspruch nehmen, um das Erlebte zu verarbeiten. Die Folgen können ansonsten auch nach Jahren noch auftreten.“

Edeka-Markt hat wieder geöffnet

Auch wenn der Edeka-Markt seit Montag wieder geöffnet hat – die Blumen und Kerzen waren bereits morgens gegen 5 Uhr von Mitarbeitern neben den Eingang zum Markt gestellt worden, zeigt sich auch Inga Müller, Inhaberin von Edeka Müller, im Gespräch mit dem Wochenblatt immer noch geschockt: „Wir haben zwar wieder geöffnet. Unsere Mitarbeiter sind nach dem schrecklichen Vorfall aber natürlich noch stark angeschlagen. Einige sind zu Hause geblieben und wir haben Mitarbeiter aus anderen Filialen dazu geholt. Allen betroffenen Mitarbeitern wurde psychologische Hilfe angeboten. Die vielen Blumen, die vor das Geschäft gelegt wurden und die große Anteilnahme der Bevölkerung zeigen, haben wir neben die Tür gelegt. Es geht weiter, von Normalität kann aber natürlich noch nicht die Rede sein.“ Das sieht auch Toufig Arab so. Der 21-jährige Edeka-Azubi aus Afghanistan ist einer der Helden von Barmbek, die den Attentäter durch beherztes Eingreifen gestoppt haben. Er saß an einer der Kassen, als alles passierte. Er könne zwar momentan noch schlecht schlafen, wolle aber seine Kollegen in dieser schweren Zeit unterstützen.Private Sicherheitskräfte sind inzwischen engagiert, die den Kunden ein Stück Sicherheit zurückgeben sollen. Die Messer in der Haushaltswarenabteilung wurden entfernt.
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4 Kommentare
1.320
Elke Noack aus Rahlstedt | 01.08.2017 | 23:42  
552
Sven Tode aus Barmbek | 02.08.2017 | 06:51  
453
Rainer Stelling aus St. Georg | 02.08.2017 | 17:48  
1.320
Elke Noack aus Rahlstedt | 02.08.2017 | 18:09  
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