Damit wir nicht vergessen

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Ermordet in den Lagern des Todes – Theresienstadt, Auschwitz und woanders – Menschen, die in Fuhlsbüttel ihren Lebensabend beschließen wollten
 
Die Psychologin Margot Löhr (64) ist im Norden der Stadt Koordinatorin des Stolperstein-Projektes. Gemeinsam mit Schulen pflegt sie das Gedächtnis an die Opfer und ist für Informationen von Zeitzeugen dankbar

Margot Löhr koordiniert im Bezirk Nord die Kunst-Aktion Stolpersteine

Von Franz-Josef Krause
Hamburg-Nord. „Unser Sohn, Bruder und Onkel musste im Februar 1942 bei Riga sein Leben hingeben“ so lautet eine der deutlichsten Formulierungen in Traueranzeigen des „Aufbau“ im Jahr 1946. Das war damals eine in New York erscheinende jüdische Zeitung.
Die überwiegende Zahl derjenigen, die diese kleinen Inserate schalteten, hatten nach dem Krieg grausame Gewissheit über das Schicksal ihrer Lieben erhalten – doch das schreckliche Wort „ermordet“ zu benutzen, dazu konnten sie sich nicht durchringen. Dennoch war es so. Mit brutaler Gewissenhaftigkeit hatten die Nazis und ihre Schergen jeden Nichtarier und Systemgegner sowie nicht Angepasste in ihrem Herrschaftsbereich aufgespürt, hatten Säuglinge, Kinder, Erwachsene und Greise der Endlösung, die fast immer Tod bedeutete, zugeführt. Nicht nur irgendwo, sondern tausendfach in Hamburg – auch im Norden der Stadt.
Hier traf die unmenschliche Ideologie besonders drei Gruppen: Häftlinge des Konzentrationslagers Fuhlsbüttel, alte Menschen und Kleinkinder. Die Kinder von Zwangsarbeiterinnen für die Rüstungsindustrie in Langenhorn waren überflüssige und störende Anhängsel der Arbeitssklavinnen; ihnen wurde weder ausreichend Nahrung noch medizinische Hilfe zugestanden.

Deportiert aus Fuhlsbüttel

Das Reich brauchte sie nicht – ihr Tod war willkommen. Über 40 Kinder starben – penibel registriert in den Akten des Todes. Ebenso jüdische alte Menschen, die in den Altenheimen der „Vaterstädtischen Stiftungen“ am Kurzen Kamp in Fuhlsbüttel lebten. Sie wurden von ihren Peinigern ins KZ verschleppt und mussten dort „ihr Leben hingeben“ – starben an Unterernährung, Seuchen oder wurden ermordet. Das ist kein Jahrhundert her – vor dem Hintergrund der Geschichte ist das so wie gestern. Dennoch schwindet das Gedächtnis an diese Menschen.

Anstoß nehmen

Die Kinder und Enkel der Täter, ja viele andere Deutsche auch, sind froh, dass das so ist. Aber nicht alle. Diesen Bürgerinnen und Bürgern ist es wichtig, dass im Namen des Deutschen Volkes begangenes Unrecht nicht dem Vergessen anheimfällt, dass Anstoß genommen, gestolpert wird, wenn Passanten dort laufen, wo die Opfer der Naziverbrechen einst lebten. Sie werden Paten für einen „Stolperstein“, der in den Gehweg eingelassen, Zeugnis von Menschen an Menschen, begangenes Unrecht. Dank ihrer Hilfe zeigen schlichte Messingplatten auf, wem hier Gewalt geschah, wer als „lebensunwert“ erachtet wurde. Zum Beispiel an der Altenwohnanlage am Kurzen Kamp 6 oder am Brombeerweg 47 in Fuhlsbüttel. Margot Löhr, die das Projekt ‚Stolpersteine” aktiv mit Recherchearbeit begleitet plant, auch den Kindern der Zwangsarbeiterinnen in Langenhorn die Namen zurückzugeben. Löhr nennt im Gespräch mit dem WochenBlatt exemplarisch einen Namen. „Anatol Slusar wurde am 1. Januar 1944 in Hamburg als Sohn einer polnischen Zwangsarbeiterin des Hanseatischen Kettenwerks Langenhorn geboren. Die kurze Zeit seines Lebens musste er mit seiner Mutter im Zwangsarbeiter-Lager Tannenkoppel, Weg Nr. 4, verbringen. Er verstarb am 23. März 1944 im Allgemeinen Krankenhaus Langenhorn“.

Stein-Paten gesucht

Die Recherchen der seit mehr als zehn Jahren dem Projekt Stolpersteine verbundenen Fuhlsbüttlerin ergaben weiter: „Die Todesursache lautete ‚Pädatrophie’”, also schwerste Ernährungsstörung.
Anatol wurde auf dem Ohlsdorfer Friedhof bestattet. Das Gräberfeld wurde 1959 eingeebnet. Nur noch acht Grabplatten mit den Namen der Säuglinge, darunter auch Anatol Slusar, sind erhalten“.
Nachfragen des WochenBlattes bei der katholischen Kirchengemeinde am Tannenweg ergaben: Kein an der Tannenkoppel gemeldetes Kind wurde in der fraglichen Zeit dort getauft, obwohl davon auszugehen ist, dass viele osteuropäische Zwangsarbeiterinnen katholisch waren.
„40 Stolpersteine“, so Margot Löhr, „sollen bald an das Schicksal dieser Kinder erinnern.“
Deshalb sucht sie Paten, die bereit sind, mit einem Patengeld von 120 Euro einen Stolperstein zu finanzieren.
Ein Pate kam just hinzu: Die Baufirma, deren Mitarbeiter unbeabsichtigt einen Stolperstein vor der Strafanstalt Fuhlsbüttel beschädigt haben, ist nicht nur für die Erneuerung dieses Steins aufgekommen, sondern hat die Patenschaft für einen weiteren Stein übernommen. (wb)

Mehr über die Stolperstein-Patenschaften und weitere Informationen unter:
stolpersteine-hamburg, Peter Hess, Tel.: 040/410 51 62
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