Deutsche Bahn fällt 477 Bäume in Hamburg

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An der Güterumgehung rodete die Deutsche Bahn jetzt 477 Bäume Foto: ba
 
Ein Junge schrieb wegen der Rodungen an den Bürgermeister Foto: ba
Hamburg: Hebebrandtstraße |

Massenhafte Fällungen am Gleisdreieck an der Hebebrandtstraße – aus Sicherheitsgründen

Von Daniela Barth
Ohlsdorf
Es täuscht nicht. Auf dem Gleisdreieck an der Hebebrandtstraße, Ecke Tessenowweg und entlang der Langenbeckshöh wird es immer kahler. Schon Anfang 2016 waren hier zirka 2.800 Bäume gefällt worden: Die Hochbahn baut – wie berichtet – einen Busbetriebshof für hunderte Busse. Trauer und Empörung bei vielen Anwohnern: Ein neunjähriger Junge war von der Abholzung direkt vor der Haustür so schockiert, dass er sogar einen Brief an Olaf Scholz schickte. Sein Schreiben wurde nicht vom Bürgermeister beantwortet, sondern von seinem Büroleiter. Tenor: Um Hamburgs Zukunft – auch in Umweltfragen – zu stärken, müsse man jetzt auch ran, wo‘s weh tut.

Bahn spricht von Ausnahmesituation

Ganz offensichtlich war die Rodung des kleinen Waldes nicht alles, sondern sie zieht vielmehr weitere Fällungen nach sich. Früher hätte wohl die Axt im Walde gewütet. In heutigen Zeiten wirft man dafür rasch die Kreissäge an. Diesmal auf dem Gelände der Deutschen Bahn AG. An der Güterumgehungsbahn wurden auf 400 Meter insgesamt 477 Bäume gefällt, wie eine Bahnsprecherin jetzt auf Wochenblatt-Nachfrage bestätigt. Hierbei handele es sich überwiegend um „Robinien mit einem Stammdurchmesser von 5 bis 15 Zentimeter“. Die restlichen Bäume seien nicht stärker als 25 Zentimeter gewesen. „Wir hatten hier eine Ausnahmesituation: In Folge der Rodungsmaßnahmen der Hochbahn wurde unser Bahndamm plötzlich freigestellt. Eine solche akute Freistellung stellt eine enorme Gefahr für den einst gesicherten Bestand dar. Die Böschung ist zusätzlich der Hauptwindrichtung ausgeliefert, so ereigneten sich im Juli 2016 mehrere Baumstürze. Unter anderem stürzte ein Baum auf einen vorbeifahrenden Zug. Es handelt sich hier um eine Sofortmaßnahme, eine Ausnahmegenehmigung liegt vor“, so begründet die Sprecherin die Fällaktion, die aber nie öffentlich – etwa in der Bezirksversammlung – behandelt wurde.

Nabu und Bund ohne Kenntnis

Das Bezirksamt sei in die Planung einbezogen, zusätzlich „wurde ein baubegleitender Ornithologe beauftragt“, heißt es in der Erklärung der Deutschen Bahn. Weder Nabu noch Bund hatten bis zur Wochenblatt-Anfrage Kenntnis von dieser neuerlichen Rodung. Mit einer Beurteilung hielten sich beide Naturschutzverbände daher zurück. Auch auf dem Hochbahngelände wird noch gesägt. „Die Bäume, die aktuell gefällt werden, sind rund 15 Bäume, die wir im letzten Winter nicht mehr fällen konnten. Ihre Fällung ist aber für den Zaun und für die Neuanpflanzungen zwingend erforderlich“, sagt Sprecher Christoph Kreienbaum. In Begleitung des Bezirks wurde dabei ganz besonders betrachtet, ob die Fällung notwendig gewesen sei. Drei Bäume müssen zudem für den Anschluss an die Fernwärmeleitung gefällt werden.

Kommentar: Da bleibt einem doch die Luft weg!

Jedes Kind lernt es in der Schule: Bäume sorgen für gute Luft. Wie viel ein Baum zur guten Luft beitragen kann, hängt vor allem vom Durchmesser seiner Krone ab, sagen Biologen. Wenn die Krone mächtig genug ist, kommen schnell 100 bis 150 Quadratmeter Grundfläche zusammen. Da kann auch der Stamm schmal sein. Eine alte Buche kann so zum Beispiel 1,7 Kilogramm Sauerstoff pro Stunde produzieren – damit können 50 Menschen eine Stunde lang atmen! Auch wenn die in Ohlsdorf gefällten rund 3.280 Bäume nicht so alt und nicht so groß waren, kann sich jedes Kind so ungefähr zusammenrechnen, wie vielen Menschen hier die „gute Luft“ genommen wurde. Davon abgesehen sind Bäume in der Großstadt eine Art „Dunstabzugshaube“: Sie filtern Schadstoffe und Staub, schlucken Lärm und Wind – und zudem sind sie Lebensraum für Tiere. Ist jetzt alles weg. Das können auch schadstoffarme Busse mit alternativem Antrieb, die in ein paar Jahren auf dem Busbetriebshof zum Einsatz gebracht werden sollen, nicht wettmachen. Was aber ganz besonders ärgerlich ist an dem gesamten Prozedere: Über jede Baumfällung an der Straße etwa muss – zu Recht! – in der Bezirkversammlung das Bürgerparlament abstimmen; gleichzeitig wird über Nachpflanzungen verhandelt. Aber jetzt konnten einfach mal so, stillschweigend zusätzliche 477 Bäume gefällt werden – ohne dass die Öffentlichkeit involviert respektive informiert wurde. Das hat so gar nichts mit Transparenz, die sich doch Hamburg auf die Fahnen schreibt, zu tun. Übrigens: Für die auf der Hochbahn-Fläche gefällten zirka 2.800 Bäume soll zum Ausgleich außerhalb Hamburgs (bei Bad Segeberg) ein neuer Wald gepflanzt werden. Da kann man doch allen – Menschen wie Tieren – nur noch zur Stadtflucht raten! (Daniela Barth)
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3 Kommentare
2.286
Kai Debus aus Alsterdorf | 07.12.2016 | 17:34  
450
Rainer Stelling aus St. Georg | 10.12.2016 | 12:14  
1.319
Elke Noack aus Rahlstedt | 11.12.2016 | 11:40  
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