Die Übriggebliebenen

Anzeige
Vorher-Nachher-Effekt: Links ein Haus, wie sie fast alle am Nüßlerkamp aussehen, rechts ein wiederhergestelltes. So könnten alle Häuser wieder aussehen, sagen die Mieter. Foto: Sobersko
 
Zwei der Nüßlerkamp-Mieter, die anonym bleiben wollen, stehen vor dem wiederhergestellten Haus Nummer 11. Fotos: Sobersko

Die letzten Nüßlerkamp-Mieter wollen bleiben

Von Tanja Sobersko
Bramfeld. Die Wohnung ist für jeden Menschen ein Rückzugsort, dort beginnt die Privatsphäre. Diese Beschreibung trifft für die letzten Mieter am Nüßlerkamp nicht zu. Sieben Bewohner der zum Abriss verurteilten Häuser, die 1949 gebaut, einst als „Vorzeigearchitektur“ für kleinen, aber feinen Wohnraum galten, wehren sich noch immer gegen die Pläne der Sahle Wohnen Wohnungsbaugesellschaft, die hier abreißen und 58 beziehungsweise 43 neue Wohnungen bauen will. Vor allem aber wehren sie sich gegen die Behauptung, sie würden den Bau von dringend benötigtem Wohnraum verhindern. „Diese Wohnungen, so wie sie existieren, die werden doch genauso gebraucht. Die Sahle Wohnen vernichtet also Wohnraum“, so Mieter Ulrich M.*. Einst, so berichten die Mieter, war dies eine Vorzeigesiedlung. Es gab eine große Mietergemeinschaft, viele Künstler lebten hier. Man kümmerte sich umeinander, aber auch um die Häuser und deren Instandhaltung.
Der damalige Eigentümer, erst die Stadt und später die SAGA, hingegen weniger. Seit zwanzig Jahren haben die Bewohner versucht, eine Sanierung voranzutreiben. Vor zehn Jahren gaben die Bewohner ein Gutachten in Auftrag, dessen Ergebnis bestätigte, dass eine Sanierung der Häuser und dessen Erhalt wirtschaftlich sinnvoll sei. Das derzeitige Gutachten bestätigt genau das Gegenteil: Ein Abriss und Neubau sei aus wirtschaftlichen Gründen einer Sanierung vorzuziehen. Bemerkenswert: Das Gutachten ist von der Sahle Wohnen in Auftrag gegeben und damit nicht unabhängig.

Schlechtes Angebot

Auch mit den angeblich mehrfach offerierten Ersatzwohnungen verhält es sich laut Aussage der Nüßlerkamp-Mieter anders als von der Sahle Wohnen kommuniziert: Ein einziges Wohnungsangebot ist den Mietern gemacht worden und zwar im Gebiet Neugraben-Fischbek. Gerade für Mieter wie Michael A.*, der nicht nur seit 20 Jahren seinen sozialen Lebensmittelpunkt, sondern auch sein berufliches Umfeld in Bramfeld geschaffen hat, ist es inakzeptabel und unvorstellbar, eine Autostunde entfernt an das andere Ende der Stadt zu ziehen. Die sozialen Kontakte, der moderate Mietpreis, das bisherige Engagement und vor allem auch das Geld und die Arbeit, die in den Innenausbau der eigenen vier Wände geflossen sind: Das alles sind die Gründe für die letzten Bewohner vom Nüßlerkamp nicht aufzugeben. Doch der Druck sei enorm: „Wenn ich manchmal für ein paar Tage beruflich unterwegs bin, dann freue ich mich, dass bei meiner Rückkehr mein Haus noch steht“, so Michael A. Für ihn zeichnet sich jetzt eine Form der Lösung ab, die es ihm gleichermaßen ermöglicht zu gehen und zu bleiben. Da seine Wohnung als einzige im Bauabschnitt Eins liegt, hat er aufgrund der Belastungen, denen er nun nicht mehr gewachsen ist, zugestimmt, in eines der vorderen Häuser während der Bauphase umzuziehen. Sobald die Gebäude der ersten Bauphase stehen, wird er in eines dieser neuen Gebäude wieder „zurückziehen“. Michael A. bleibt also am Nüßlerkamp. (ts)
* Name ist der Redaktion bekannt.
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige