Die Wahrheit weitertragen

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Salomon „Sally“ Perel überlebte als Jude den Holocaust „in der Haut des Feindes“, wie er es nennt: unter falschem Namen als Hitlerjunge.

„Hitlerjunge Salomon“ berichtete Schülern aus seinem Leben

Von Bert C. Biehl
Steilshoop. Die letzten Worte seiner Mutter wird er nie vergessen. „Sally, du sollst leben“, gibt sie ihrem Jungen mit auf den Weg. Als er seine Eltern verlassen muss, im September 1939, ist Salomon Perel erst 14 Jahre alt. Gerade haben die Nazis seine polnische Heimatstadt Lodz besetzt, wollen alle Juden ins Ghetto pferchen, sie später ermorden. Vater Israel und Mutter Rebekka lassen ihre zwei Söhne fliehen und bleiben mit der Tochter Bertha zurück, ihr nahes Ende nicht ahnend. „Mir war damals nicht klar, dass dies ein Abschied für immer ist“, erzählt Salomon „Sally“ Perel heute, mehr als sieben Jahrzehnte später. In diesem Moment wird es still im großen Saal der H 20, noch stiller als es bisher schon war. 350 Schüler, viele gerade mal so alt wie Sally damals, lauschen gebannt dem kleinen, alten Mann, der da leicht gebeugt an einem Tisch auf der Bühne sitzt. Er hat eine der irrwitzigsten Geschichten des Zweiten Weltkrieges zu erzählen, seine Lebensgeschichte. Er hat den Holocaust überlebt „in der Haut des Feindes“, wie er es nennt, nämlich unter falschem Namen, erst in der Wehrmacht, dann auf einer NS-Eliteschule. Sally Perel war der „Hitlerjunge Salomon“, über den es ein Buch gibt und einen Kinofilm. Ein Junge, der ständig mit der Todesangst leben muss, entdeckt zu werden. Der gezwungen ist, seine Persönlichkeit zu verleugnen, seine „Seele zu spalten“, wie er sagt. Der niemandem vertrauen und keine Freunde haben darf, und der langsam aber sicher selbst der zersetzenden Nazi-Ideologie erliegt. Der „Heil Hitler“ brüllt und antijüdische Hetze nachplappert –„es ist wie ein Gift, das dich langsam durchdringt. Ich habe mich nicht verkleidet. Ich wurde einer von ihnen“.
Erst 1985 fand Sally Perel die Kraft, diese Geschichte aufzuschreiben. Seither hat er sie viele Hunderte Male erzählt.


„Ihr sprecht heute mit einem der letzten Zeitzeugen. Ab heute seid auch ihr Zeitzeugen. Bitte tragt diese Wahrheit weiter.“ Salomon „Sally“ Perel

Denn auch heute noch, mit bald 88 Jahren, kommt er zweimal im Jahr aus seiner neuen Heimat Israel nach Deutschland, hält rund 50 Vorträge vor allem vor Schülern. In der Beruflichen Schule H20 war er am vergangenen Donnerstag bereits das zwölfte Mal.
Perel spricht ohne Pathos, ohne Groll. Er schildert seinen Kampf mit sich selbst, seine innere Zerrissenheit, die ihn an die Grenze des Selbsthasses führt. Während Millionen Juden in Auschwitz und anderswo ermordet werden, steckt er in der Uniform der Mörder und muss ihre Parolen mitgrölen, um zu überleben.
Mit seiner Ernsthaftigkeit, seinem Scharfsinn und seinem Humor erreicht Sally Perel die Zuhörer schnell. Er schafft es, sie mitzunehmen in seine emotionale Achterbahn, in der skurriler Irrsinn und unfassbare Tragik so nah beieinander liegen. „Ihr sprecht heute mit einem der letzten Zeitzeugen“, schließt er, und er reicht den Stab an die Jugendlichen: „Ab heute seid auch Ihr Zeitzeugen. Bitte tragt diese Wahrheit weiter.“ Nazi-Terror und Holocaust dürften nicht in Vergessenheit geraten.
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