Die Welt anders sehen

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Yolda-Projektmanagerin Filiz Gülsular, Mentee Lawin und ihre Mutter Aiche Yavuz (v.l.) Foto: Thiele
 
Die zwölfjährige Lawin Yavuz beim Üben am E-Piano Foto: Thiele

Projekt „Yoldaş“ sucht Mentoren für Kinder mit türkischem Hintergrund

Von Ulrich Thiele
Barmbek
Eigentlich ist Lawin Yavuz ein Sport-Ass. In ihrer Freizeit geht die zwölfjährige Barmbekerin am liebsten schwimmen oder spielt Federball oder Tischtennis. Ihr Lieblingsfach in der Schule ist – natürlich – Sport. Doch wenn sie sich mit ihrer Mentorin trifft, der Kunstpädagogin Ulrike Sonntag, dann stehen vor allem kulturelle Aktivitäten auf dem Programm: Ausstellungen, Theateraufführungen, Kino oder auch mal ein Ausflug zum Michel. „Durch Ulrike lerne ich auch andere Sachen kennen“, sagt Lawin. Vor zwei Jahren wurde ihre Mutter Aiche durch eine Nachbarin auf das Mentorprojekt „Yoldaş“ der BürgerStiftung Hamburg aufmerksam. „Yoldaş“ ist das türkische Wort für „Weggefährte“, und als solche begleiten ehrenamtliche Deutsch-Muttersprachler im Rahmen des Projekts je ein sechs- bis zwölfjähriges Kind mit türkischem Hintergrund im Alltag. Während der alle ein bis zwei Wochen stattfindenden Treffen soll eine vertrauensvolle Beziehung aufgebaut werden, die die Kinder in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützt und ihre Sprachkompetenz verstärkt. „Oft ist es so, dass Kinder mit türkischem Hintergrund nicht in den Kindergarten gehen und zu Hause gar kein Deutsch sprechen. Das Mentorprogramm ist aber keine Nachhilfe oder Familienbetreuung. Die Kinder sollen einfach eine schöne Zeit haben und ein stärkeres Selbstwertgefühl bekommen. Durch die gemeinsame Zeit werden dann automatisch Bildungsimpulse gesetzt. Die Kinder lernen einen anderen Wortschatz kennen“, soYoldaş-Projektmanagerin Filiz Gülsular, die Familien und Mentoren begleitet.

Horizont erweitern


Für Lawins Mutter Aiche war das Projekt in erster Linie eine Chance, um ihrer Tochter einen Blick über den Tellerrand zu ermöglichen. „Ich wollte, dass Lawin die kulturellen Dinge kennenlernt, die ich ihr nicht bieten kann, weil ich viel arbeiten muss“, erzählt sie. Vor 18 Jahren kam sie nach Deutschland, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Als ihr Mann sie und ihre zwei Töchter verließ, absolvierte sie eine Ausbildung, verbesserte ihr Deutsch und sorgte sich um Lawin und die ältere Tochter. Heute arbeitet sie als Köchin in einem Altersheim. Sie habe ihr Leben für ihre Töchter gelebt, sagt sie. Die Erfahrungen haben sie stark gemacht und den Zusammenhalt zwischen ihr und ihren Töchtern gestärkt, doch die Zeit für kulturelle Freizeitaktivitäten fehlte meist. Dank des Mentorprogramms hat sich letzteres geändert. „Wir sind sehr zufrieden mit Ulrike und sie ist eng verbunden mit unserer Familie. Lawin lernt viel kennen und ich komme sogar manchmal auch mit. Neulich sind wir alle gemeinsam ins Kino gegangen“, berichtet sie. Durch die gemeinsame Zeit mit ihrer Mentorin hat Lawin nicht nur neue Orte kennengelernt, sondern auch neue Leidenschaften entdeckt. Als sie erstmals in der Wohnung der Kunstpädagogin zu Besuch war, setzte sie sich sofort an deren Klavier. Und wollte gar nicht mehr aufhören zu spielen. Mittlerweile nimmt Lawin Unterricht; zu Hause übt sie an einem E-Piano. „Mit Ulrike ist es immer lustig. Ich habe viele interessante Sachen gemacht und auch neue Kontakte geknüpft, die ohne sie nicht möglich gewesen wären“, freut sich die Schülerin.

Interkultureller Austausch


Für Projektmanagerin Filiz Gülsular sind Lawin und ihre Mentorin – die sich momentan aufgrund einer Verletzung in der Reha befindet – ein Musterbeispiel für kulturellen Austausch. „Wir sehen uns auch als Kulturvermittler zwischen beiden Seiten“, sagt die Tochter eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter. „Die Mentoren haben ja auch Interesse an der türkischen Kultur und wann gibt es schon die Möglichkeit, dass sich beide Seiten kennenlernen?“ Bei Fortbildungen und Stammtischen können die vom Yoldaş-Team sorgfältig ausgesuchten und anschließend zugeordneten Mentoren deswegen mehr über die Türkei lernen, sich aber auch pädagogisch fortbilden oder untereinander austauschen. In jedem Fall sehen alle Beteiligten die Welt aus einem anderen Blickwinkel. 200 Tandempartnerschaften sind seit Beginn des Projekts vor acht Jahren entstanden, 70 aktive sind es derzeit. Doch war das Verhältnis zwischen der Anzahl der Mentoren und der Anzahl der Kinder bisher stets noch ausgeglichen, befinden sich nun 15 Kinder in der Warteschleife, allein zehn davon in Barmbek und Umgebung.

Deswegen findet am Mittwoch, 1. Juni, um 18.30 Uhr in der BürgerStiftung Hamburg (Schopenstehl 31) ein Infoabend statt. Durch einen Kurzfilm und den Erfahrungsbericht eines Mentors erfahren Besucher mehr
über das Projekt. Anmeldung unter yoldas@buergerstiftung-hamburg.de oder unter Telefon 87 88 969 -80/-60
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