Eine Unterkunft – drei Initiativen

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Nachbarn, Vertreter von „Klein Borstel hilft“ und „Gemeinsam in Klein Borstel“ Foto: wh

Wie Anwohner die geplante Flüchtlingsunterkunft in Klein Borstel sehen

Von Waltraut Haas
Ohlsdorf
Die Baumaschinen haben schon ganze Arbeit geleistet. Die Gewächshäuser des Anzuchtgartens sind abgerissen. Große Betonbrocken aus den Fundamenten liegen noch angehäuft hinter dem zwei Meter hohen Zaun. Davor tummeln sich Kinder auf der Spielstraße in der Abendsonne. Dennoch ist die Feierabend-Idylle auf dem Erna-Stahl-Ring getrübt: Mit der geplanten Unterkunft für 700 Flüchtlinge, betrieben von fördern und wohnen (f&w) kehrt hier auch ein Stück Weltpolitik ein. Im Dezember sollen die ersten 250 Menschen einziehen (das Wochenblatt berichtete).
Zum Ortstermin mit dem Wochenblatt am geplanten Eingang der Folgeunterkunft kommen immer mehr Nachbarn: Eltern mit Kindern sowie Vertreter der drei Initiativen. „Nein, wir sind nicht gespalten“, betonen alle. „Wir haben eben unterschiedliche Blickwinkel und noch großen Gesprächsbedarf“, heißt es. „Wir sind alle keine Fans von Massenunterkünften.“ Kleinere Unterkünfte erleichterten die Integration. Das sei ihr gemeinsamer Nenner. Als ein Anwohner mit Blick auf den hohen Zaun aber von „Lager“ und „Ghettoisierung“ spricht, erntet er Protest. Mehrere Zugänge zur Unterkunft wären freilich hilfreich, damit nicht der ganze zusätzliche Verkehr über die Spielstraße am Erna-Stahl-Ring führt. Die Baumaschinen befahren das künftige Quartier aktuell ja auch über die Große Horst.

„Lebenswertes Klein Borstel“


Besonders betroffen fühlen sich die direkten Nachbarn der Unterkunft. Erst in der vergangenen Woche hat sich aus Anwohnern „in der ersten Reihe“ der Verein „Lebenswertes Klein Borstel“ gegründet. Die Unterkunft sei rechtswidrig, argumentiert der Verein, er will Klein Borstel dagegen „maßvoll entwickeln“ und als „lebenswertes, familienorientiertes, naturnahes Wohn-quartier“ bewahren.
Was gleich Anlass zur Diskussion gibt: Die angebliche Wertminderung der Grundstücke um bis zu 50 Prozent durch Ansiedlung von Flüchtlingen sei üble Stimmungsmache, die Kompetenz des Maklers zweifelhaft. Andere befragte Immobilienexperten hielten seine Berechnung für überzogen. Klagen vor Gericht seien zudem kein probates Mittel, heißt es.
Jasmin Peter ist Mitgründerin des Vereins. „Kritisch sein und helfen wollen schließt sich nicht aus“, betont die Mutter von vier Kindern. Ihr Vater stamme aus dem Irak. Und als Diplom-Sozialpädagogin arbeitete sie selbst einige Jahre mit Flüchtlingen zusammen. „Die Menschen haben multiple Probleme“, weiß sie. „Wirsagen den Politikern in Hamburg und Berlin: Überfordert uns nicht!“

„Klein Borstel hilft“


„Die Menschen müssen doch raus aus den Zelten“, so ein Anwohner. Zuallererst stehe deshalb tatkräftige Unterstützung an, fordern die Diskutanden von „Klein Borstel hilft“. Alle – Anwohner wie Entscheidungsträger aus Behörden – würden von der Vielzahl der Menschen auf der Flucht gefordert. Die Initiative gründet noch in dieser Woche einen Verein, ist vollauf damit beschäftigt, Strukturen aufzubauen. Dafür arbeite man mit anderen „Refugees-Welcome-Initiativen“ zusammen. „Wir wollen Begegnungen auf Augenhöhe mit unseren neuen Nachbarn ermöglichen.“ Die Initiative kooperiere bereits mit der Kirchengemeinde, mit Schule und Kita sowie mit der Interessengemeinschaft der Gewerbetreibenden und der Feuerwehr, erklärt Sprecherin Marianne Koch.

„Gemeinsam in Klein Borstel“


Salomonisch gibt sich Ralf Blinkmann von der dritten Initiative „Gemeinsam in Klein Borstel“. Sie wollen „so etwas wie einen gemeinsamen Nenner aller Klein Borsteler formulieren.“ Man unterstütze die Hilfe für Flüchtlinge, hätte aber auch Verständnis für die diejenigen, die eine Klage vor Gericht planen, „obwohl wir nicht klagen wollen.“ Noch sei es nicht gelungen, die Sichtweisen zu bündeln. „Dass es zwischen uns Zwist gibt, ist aber falsch“, so Blinkmann weiter. „Bisher habe ich jedenfalls nur gegenseitigen Respekt erlebt.“ Alle drei Initiativen hätten große Schnittmengen. „Am Ende ziehen alle an einem Strang“, sagt Blinkmann zuversichtlich.

Folgeunterkunft für zehn Jahre geplant


Ob eine auf zehn Jahre geplante Folgeunterkunft wirklich nach polizeirechtlicher Grundlage – nach dem SOG – „durchgezogen“ werden könne? Das sei juristisch bedenklich. Auch dürfe man die „geballte Kompetenz der Anwohner“ nicht einfach ignorieren, auch ihre Einwände und Bedenken seien gründlich zu prüfen. „Wir Anwohner sollen die Menschen doch integrieren, aber vorher sollten wir auch einbezogen – integriert werden.“ sagen sie. Es gibt also noch viel zu klären.

Weitere Infos zu den Initiativen: www.lebenswertes-klein-borstel.de, www.klein-borstel-hilft.de, www.gikb.org
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