Es geschah in einer Sommernacht

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Ohlsdorf. Friedhöfe sind die Orte, wo das Wort „unvergessen“ nur zu häufig in Stein gemeißelt zu lesen steht. Sie sind aber auch die Orte, an denen dieses Wort immer wieder ad absurdum geführt wird. Auch auf Ohlsdorf. Vor 110 Jahren ereignete sich das bislang folgenschwerste Schiffsunglück auf der Elbe. Damals unvergesslich. Was war geschehen? In der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1902 wurde der Ausflugsraddampfer Primus auf der Elbe in Höhe Nienstedten vom Hochseeschlepper Hansa der HAPAG seitlich gerammt. 101 Menschen fanden den Tod. Die Primus war für den Verkehr auf Elbe und Este zugelassen und hatte neben der Besatzung von sieben Mann 172 genehmigte Passagierplätze. Am Unglückstag war das Schiff mit 206 Männer, Frauen und Kindern sowie Musikkapelle hoffnungslos überladen. Der Kapitän fuhr mit dem untermotorisierten Schiff, um von der dort herrschenden geringeren Gegenströmung zu profitieren, wie ein Geisterfahrer im nördlichen Fahrwasser. Der Schlepper Hansa hatte die zehnfache Wasserverdrängung und die zwanzigfache Motorleistung der Primus. Als die Hansa sich seitlich in die Primus bohrte, traf sie das schwächere Schiff mit voller Wucht. Das Ausflugsschiff sank innerhalb von Minuten. Opfer waren Arbeiter, kleine Angestellte und Handwerker, die sich in der Liedertafel „Treue von 1887 zu Eilbek“ zusammengefunden hatten. Der Trauerzug mit den 78 Toten, die auf dem Friedhof Ohlsdorf in einer Gemeinschaftsanlage bestattet wurden, gestaltete sich zu einer machtvollen Demonstration der Sozialdemokratie. Über einhunderttausend Menschen säumten den Weg des Trauerzuges mit roten Fahnen in den Händen. Bis 1932 veranstaltete die SPD am Jahrestag des Unglücks eine Trauerfeier vor dem Gemeinschaftsgrab. 110 Jahre nach dem Unglück lebt niemand mehr, der sich an die Opfer erinnern kann. Wer die Gemeinschaftsgrabanlage in der Nähe des Rondells Ostring, Krieger – Ehrenallee, Kapellenstraße besucht, findet eine gepflegte Anlage vor, die aber davon zeugt, dass schon lange keine Familienangehörigen mehr dort gewesen sind. (fjk)
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