Faschisten in Barmbek nicht erwünscht

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Bis zu 1.500 Menschen marschierten durch die Fuhle, um gegen das Thor-Steinar-Geschäft zu demonstrieren Foto: Thiele
 
Bezirkschef Rösler sprach zu den Demonstranten: „Das ist unser buntes Barmbek. Wir wollen keine Faschisten!“ Foto: Thiele
 
Die Demonstranten zogen mit Trillerpfeifen und Plakaten durch die Fuhle Foto: Thiele
 
Slogans und Parolen wie diese gab es auf der Demo zuhauf Foto: Thiele
Hamburg: Fuhlsbüttler Straße 257 |

Bis zu 1.500 Menschen demonstrieren gegen Thor-Steinar-Laden in der Fuhle

Barmbek Großdemo gegen Nordic-Company-Filiale: Vorigen Sonnabend versammelten sich bis zu 1.500 Menschen, um gegen das umstrittene Thor-Steinar-Geschäft an der Fuhlsbüttler Straße zu protestieren. Die Kleidung der Marke Thor Steinar gilt vielen als Identifikationsmerkmal der rechtsextremen Szene. Seit der Eröffnung der Filiale Anfang März war es zu regelmäßigen Protesten und Mahnwachen gegen die Betreiber gekommen (das Wochenblatt berichtete). Unter den Demonstranten waren erwartungsgemäß zu einem großen Teil Mitglieder aus der linken Szene um die Antifa vertreten, doch auch bürgerliches Klientel aus allen Altersgruppen erschien zahlreich. Die Stimmung während des Protestmarsches durch die Fuhlsbüttler Straße mit Polizei-Großaufgebot war emotional aufgeladen, zu Übergriffen aber kam es nicht: „Das ist unser buntes Barmbek, wir wollen keine Faschisten!“, „Ganz Hamburg hasst die AfD“ und „Nazis raus!“ skandierten die Protestler sowie die Redner um Bezirksamtsleiter Harald Rösler, der des Weiteren unter Applaus von einem „hässlichen, braunen Schatten mitten in unserem bunten Barmbek“ sprach und die „überwältigende Mehrheit“ der Thor-Steinar-Gegner lobte.

Leser widersprechen Kritikern an Mahnwachen gegen Thor-Steinar-Laden


Die in jüngster Vergangenheit geäußerten Vorwürfe, man hofiere mit den Protesten die Nordic Company und bekämpfe nicht wirklich strukturell zunehmende rechte Gesinnungen, wies Pastor Sven Lundius von der St. Gabriel Kirchengemeinde entschieden zurück: „Damit wird eine Ideologie auf den Straßen verbreitet, die gegen alles steht, wofür ich als Christ stehe. Wer dazu schweigt, der stimmt zu, und das hatten wir schon einmal 1933“, so der Theologe (siehe auch Leserbriefe).

Leserbriefe


Die Redaktion erreichten einige Leserbriefe – als Reaktion auf die Demonstrationsankündigung „Demo gegen Thor-Steinar-Laden“ in der Ausgabe vom 17. Mai, in der neben dem Anliegen der „Barmbeker Initiative gegen rechts“ auch aus einem Schreiben von Fuhle-Anwohnern zitiert wurde, welche die Mahnwachen kritisieren. Die Verfasser wollten aus Angst vor Repressalien anonym bleiben – der Redaktion sind die Namen der Absender bekannt, respektierte indes deren Bitte. Das wiederum führte bei Lesern zu Irritationen und Verärgerung, vor allem zu Widerspruch hinsichtlich der geäußerten Kritik.

Flagge zeigen!


Sehr geehrte Damen und Herren aus der Redaktion des Hamburger Wochenblattes, ersteinmal möchte ich Ihnen danken, dass Sie in der o.g. Ausgabe einen Bericht über die geplante 3. Demo gegen die Filiale der Nordic Company 1999 /Thor Steinar veröffentlicht haben. Dies hat die heutige [20.5.17] Demo sicherlich bekannter gemacht und war hilfreich, damit das breite Bündnis aus allen gesellschaftlichen Schichten gegen diesen neuen Neo Nazi Treffpunkt noch sichtbarer werden kann. Der/die Verfasser/in (...) zitiert allerdings im zweiten Teil des Artikels aus einem anonym eingegangenen Leserbrief an Ihre Redaktion. Darin wird u.a. der Vorwurf geäußert, dass den Neo Nazis durch die ganzen Aktionen, Mahnwachen und Demos erst eine größere Aufmerksamkeit zuteil und ein einzelnes mainstream-Feindbild hofiert werde. Unter anderem ist dann ebenfalls dort abgedruckt: „Zu einer bunten Farbpalette gehört naturgemäß die braune auch dazu, ob es uns nun gefällt oder nicht.“ (...) Meiner Überzeugung nach liegt mit dem Aufkommen eines Neo Nazi Treffpunktes mit Hilfe eines Thor Steinar Bekleidungsgeschäftes ein status confessionis [ein Bekenntniszustand] vor, in dem ich Flagge zeigen muss für die Werte, für die ich stehe – weil diese Werte in Gefahr geraten! Hier geht es nicht mehr um Meinungsvielfalt [vgl. bunte Farbpalette] auf Basis einer gemeinsamen freiheitlich demokratischen Grundordnung – hier geht es darum, dass eine Farbe alle anderen verdrängen will, wenn sie die Macht und den Einfluss dazu hätte [wie 1933 bereits innerhalb weniger Monate nach der Machtergreifung geschehen]. Insofern vertrete ich die Meinung „Wehret den Anfängen!“ Wer Neo Nazis nicht in unserem Stadtteil haben will, der/die muss dies m.E. auch zeigen, muss etwas dagegen tun – z.B. durch seine/ihre Teilnahme an den Demos, Mahnwachen oder anderen Aktionen. Gewalt ist dabei keine Lösung – aber: Wer schweigt, stimmt zu! Genau dies ist 1932/33 leider schon geschehen, das möchte ich nicht erleben. Von allein verschwinden Neo Nazis nicht – da braucht es friedlichen Widerstand, da braucht es fantasievolle Aktionen, da braucht es einen Schulterschluss im Stadtteil. Deswegen war ich heute auf der Demo gegen Thor Steinar – und ich hatte nicht den Eindruck, dass die ca 1200 so unterschiedlichen Menschen ein „mainstream Feindbild“ hofiert haben. Ich hatte dagegen den Eindruck, da haben 1200 Menschen gegen Rechtsextremismus Flagge gezeigt. Und das war gut so. Mit lieben Grüßen Ihr Sven Lundius Pastor Sven Lundius Ev-Luth Kirchengemeinde St. Gabriel

Demos schützen den Stadtteil


Ich selbst wohne am Anfang der Wasmannstraße und meine Wohnung gehört bei jeder Demo zum von der Polizei abgesperrten Gebiet. Ich bin also ganz direkt betroffen und wünsche mir nichts mehr, als so viele Menschen gegen den Naziladen auf der Straße, wie möglich. Denn die Nazis setzten darauf, sich heimlich in einem ruhigen Stadtteil wie Barmbek einzunisten und sich als ganz normales Bekleidungsgeschäft auszugeben, wie man an ihrem „Schaufenster“ sehen kann. Rechtsradikale wissen über ihre Szenekreise sowieso, dass der Laden da ist, d.h., durch die Demos werden Barmbekerinnen und Barmbeker aufmerksam gemacht, die vielleicht ohne Kenntnis der politischen Gesinnung in diesen Neonazibetrieb hineingeraten wären. Die Demos schützen also unseren Stadtteil, denn niemand möchte da einkaufen, wo sich gewaltbereite Rassisten täglich auf der Straße bewegen. Gemeinsam Farbe(n) zu bekennen und den Laden als das zu demaskieren, was er ist, nämlich ein Hort von menschenverachtenden Gesinnungs- und Gewaltätern, zeigt, wie demokratisch wehrhaft und solidarisch Barmbek sein kann. Deshalb lebe ich hier gern. Vielen Dank und ehrliche Grüße! Clara Mustermann *( *Name von der Red. geändert)

Klares Signal setzen


Mit Entsetzen musste ich heute ihren Artikel zur Demo gegen den Thor Steinar Laden am kommenden Samstag lesen. Nicht nur, dass es journalistisch äußerst fragwürdig ist einem anonymen (!) Leserbrief die Hälfte des Artikels einzuräumen, es ist vielmehr völlig haltlos dieser undifferenzierten und relativierenden Meinung ein solches Forum zu bieten. Die Aussage, zur vollständigen Farbpalette würde auch die Farbe braun gehören, ignoriert in ungeheuerlicher Weise welche grausamen Verbrechen von Menschen begangen worden sind und noch immer begangen werden, die diese Farbe mit ihrer politischen Ausrichtung assoziieren. Genau diese Geschichts- und Realitätsvergessenheit führt dazu, dass Leute dieser menschenverachtenden Gesinnung meinen, wieder in der Gesellschaft angekommen zu sein und durch ihr Auftreten, wie z. B. durch die Eröffnung besagten Ladens sich öffentlich etablieren zu dürfen. Die Argumentation, die Mahnwachen und Demos würden Kosten generieren zu Lasten der Steuerzahler ist hanebüchen. Die Teilnehmerinnen an diesen Aktionen nehmen ihr demokratisches Grundrecht in Anspruch, das eben Faschisten und deren Sympathisanten u.a. bekämpfen. Dieses Gut zu schützen ist Aufgabe eines jeden und darf aus Kostengründen auf keinen Fall in Frage gestellt werden. Zudem ist auch das Argument haltlos, dass durch besagte Aktionen erst Aufmerksamkeit zu Stande kommt. Ein Ignorieren dieses potentiellen Treffpunktes von Menschen rassistischer und nationalistischer Gesinnung käme einer Kapitulation vor deren Gesinnung gleich. Daher handelt es sich nicht um „ein einzelnes mainstream-Feindbild, welches über Wochen hofiert“ wird, sondern ein klares Signal gegen die Etablierung rechter und neonazistischer Strukturen. Ich bin den Menschen sehr dankbar, dass sie dieses Signal setzen, in Zusammenarbeit mit einem breiten Spektrum an Unterstützern und ihre Zeit und Energie aufbringen, um Barmbek und damit auch Hamburg zu informieren und bunt zu halten. Ein weltoffenes und multikulturelles Barmbek braucht keinen Hort der Intoleranz. (…) Mit freundlichen Grüßen Morten Pöhls

Toleranz ja, aber Grenzen einhalten


Vielen Dank für Ihre generell gute Berichterstattung – gerade aus dem Stadtteil. Es ist sehr wünschenswert, dass im Prinzip jeder einen Bericht verfassen und dann Ihnen zukommen lassen kann. Allerdings wäre es wünschenswert, die Berichte vorher kritisch zu lesen und gegebenenfalls zu kommentieren, bevor sie veröffentlicht werden. Denn ein Satz wie dieser: „Zu einer bunten Farbpalette gehört naturgemäß die braune auch dazu, ob es uns gefällt oder nicht“ sollte nicht einfach so stehen gelassen werden! Und kann auch nicht im Sinne Ihres Blattes sein. Wir alle sind für Meinungsfreiheit, aber wir haben alle auch Verantwortung, an einer toleranten Gesellschaft mitzuarbeiten. Das gelingt nicht, wenn wir intolerante Facetten akzeptieren und nicht auf Unrecht aufmerksam machen. Die Mahnwache dient nicht zum „...Hofieren eines Mainstream-Feindbildes...“, sondern zur Aufklärung der „...heutigen Normal-Gesellschaft...“. Dieser Artikel führt zu Banalisierung intoleranter Gruppen und dämmt Aufklärung und Diskussionen von Grund auf ein. Und Aufklärung führt normalerweise zu einer toleranteren Gesellschaft. Dies scheint vom Autoren nicht gewünscht zu sein. Weiterhin ist es grotesk, Steuerkosten vorzuschieben, schließlich ist der gesamte Stadtteil, wie man an den Befürwortern der Demo am kommendem Samstag einschließlich IG Fuhle und Barmbeker Ratschlag gegen diesen Laden. Diese Befürworter sind übrigens diejenigen, die auch Steuern zahlen. Wir sollten alle tolerant sein, aber dann auch genau die Grenzen kennen. Mit freundlichen Grüßen, Nina Nehmann

Leserbriefe stellen nicht die Meinung der Redaktion dar. Eventuelle Kürzungen behalten wir uns vor. Anonyme Briefe werden nicht veröffentlicht. Wenn auch Sie zu unseren Themen Stellung beziehen wollen, dann schreiben Sie bitte an das Hamburger Wochenblatt, Leserbrief-Redaktion, Postfach 70 21 51, 22021 Hamburg oder auch per Email an leserreporter@hamburger-wochenblatt.de

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1 Kommentar
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Elke Noack aus Rahlstedt | 25.05.2017 | 11:04  
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