Gestatten, ich bin der Leih-Opa!

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Leihopa Walter Wilke liest „Ersatz-Enkelin“ Shirin gern Märchen vor Foto: Schlichtmann(wb

Der Verein Jung & Alt vermittelt „Großeltern“ dorthin, wo sie guttun

Von Klaus Schlichtmann
Hamburg. Ausleihen kann man sich heute eigentlich fast alles: Autos, Fahrräder, Werkzeuge, selbst Blumen-Dekorationen oder Ölgemälde fürs Wohnzimmer. Und auch - Omas und Opas, womit wir beim Thema sind.
Bereits vor 33 Jahren gründete Beate Schmidt den Verein „Jung & Alt e. V.“, dem sie noch heute vorsteht. In ihrer Kartei hat sie zur Zeit 128 geprüfte Senioren, die sich ehrenamtlich und kurzfristig in Familien oder bei alleinerziehenden Müttern um die Kinder kümmern,wenn die Eltern keine Zeit finden. „Oft ist es in Großstädten wie Hamburg so, dass viele junge Eltern wegen ihrer Ausbildung oder ihres Berufes den Heimatort verlassen – und hier dann ohne die liebevolle Teilzeitbetreuung ihrer Kinder durch Oma oder Opa auskommen müssen“, erklärt die geschäftsführendes Vorstandsmitglied Schmidt. „Da kann man dann als Mutter nicht mal eben auf die eigenen Eltern zurückgreifen, wenn es im Job später wird oder ein nicht geplanter Arztbesuch ansteht. Oder weil man einfach ‚mal wieder ins Theater möchte.“

15 „Ersatz-Enkel“

Walter Wilke (65) aus Langenfelde ist einer der wenigen Leihopas in Hamburg, Leihomas sind eindeutig in der Mehrheit. Der ehemalige Betriebsleiter einer Stahlhandlung ist seit gut vier Jahren im Kinder-Einsatz, nach einem Bandscheiben-Vorfall wollte er als Frührentner etwas Sinnvolles mit seiner Zeit anfangen. Elf Elternpaare oder alleinerziehende Mütter mit 15 Kindern hat „Opa Wilke“ aktuell auf seiner Betreuungsliste, vergangenes Jahr brachte er es auf gut 80 Einsätze zwischen Wandsbek, Quickborn und Hausbruch. Immer dabei: eine große, rote Stofftasche - und die Kinder wissen genau, was da drin‘ ist - Gummibärchen und ein halbes Dutzend bunter Märchenhefte, zum Vorlesen.
Wir treffen Walter Wilke bei der kleinen Shirin (6), die er seit zwei Jahren kennt - und die weint, wenn er sich nach ein paar Stunden wieder verabschiedet. Shirins Eltern - der Vater ist Arzt, die Mutter Krankenschwester - haben keine eigenen Oma oder Opa für ihr Mädchen. Shirin geht zur Vorschule, doch an diesem Vormittag findet kein Unterricht statt. Stattdessen kommt Opa Wilke, wie Shirin ihren Ersatz-Großvater nennt.

Pommes und Märchen

Um sieben Uhr morgens schon steht Opa Wilke vor der Tür, und er hat auch schon einen Tagesplan. Natürlich ist Shirin begeistert, es geht zu „Planten und Bloomen“, auf den großen Spielplatz. Und hinterher gibt‘s Pommes. Wieder zu Hause, muss Opa Wilke unbedingt wieder diese Geschichte vorlesen, die mit dem Jungen und der Kuh. Während Walter Wilke aus dem Märchen „Hans und die Bohnenranke“ vorliest, schläft Shirin selig ein. 
„Das sind so Momente, die mich für meine Zeit mit den Kindern belohnen“, sagt Opa Wilke. „Wenn sie mir vertrauen. Wenn sie mich ins Herz geschlossen haben. Oder wenn sie mich mit ihren Augen anstrahlen.“ Walter Wilke hat
zwei erwachsene Söhne, aber keine Enkelkinder. Dafür jede Menge Ersatz-Enkel zwischen zwei und 13 Jahren, die er überwiegend in den Abendstunden betreut, anstatt - wie er sagt - vor dem Fernseher oder Computer zu hängen. Bei
manchen Eltern hat er fast schon so etwas wie Familien-Anschluss, „da mache ich mir dann auch schon Sorgen, wenn ich drei Monate nichts von ihnen höre.“
Walter Wilke ist allerdings auch ein Mann mit Prinzipien. „Wenn ich merke, dass ich nur ausgenutzt werde, verzichte ich lieber auf einen Einsatz in solcher Familie.“ Hat er nämlich vor einiger Zeit erlebt, als die Mutter tatsächlich erwartete, dass Opa Wilke sich auch noch in der Küche nützlich macht. „Natürlich koche ich auch etwas, wenn es gewünscht wird, meist Spaghetti“, erklärt Walter Wilke. Aber zum Küchenputz oder Staubsaugen sei er nicht da ...  Eine Familie mit eineiigen, elfjährigen Zwillingen nahm er auch aus seinem „Besuchsprogramm“, nachdem die Jungen ihn mit ihrer frappierenden Ähnlichkeit immer wieder foppten.
Inzwischen ist Shirins Mutter Nadja G. (48) von ihrem Dienst in der Klinik nach Hause gekommen, Shirin ist auch wieder wach und will noch eine Geschichte hören. „Sie will nur nicht, dass Opa Wilke schon wieder geht“, schmunzelt Nadja G. Und fügt hinzu: „Wir sind alle froh, dass wir einen so tollen Ersatz-Opa gefunden haben.“ 

Marzipan statt Geld

Geld erhält Walter Wilke für sein Ehrenamt nicht, die Fahrtkosten einmal ausgenommen. Eine Medaille für sein Ehrenamt hat er erhalten, vergangenes Jahr im Rathaus. Wenn er gefragt wird, wieviel oder was er denn nun bekomme, lautet seine Antwort unisono: „Wenn Sie dann wollen, mit einem Lübecker Marzipanbrot könnten Sie mich glücklich machen!“ - und das meint er ehrlich, weil er Marzipan seit seiner Kindheit so gerne nascht. Manchmal geben ihm die Mütter oder Väter „seiner“ Ersatzenkel aber auch Bücher-Gutscheine, Theaterkarten oder Operntickets als Dankeschön fürs Aufpassen. Nächste Woche hat Walter Wilke übrigens wieder einen Vorstellungstermin bei einer Familie. „Die hat zwar eine richtige Oma, aber die vierjährige Tochter wünscht sich auch noch einen Opa...“ (wb)

Weitere Informationen:
www.jaz-ev.de oder
Tel.: 040-2517733
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