Große Angst um die Mutter

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Xiaojun Ye und Yake Zhou (r.) aus Barmbek haben Angst um ihre in China inhaftierte Mutter Foto: Dittmer

Barmbeker Familie hat nach Verhaftung in Shanghai keinen Kontakt zu ihr

Von Marco Dittmer
Barmbek/Shanghai
Xiaojun Ye ist ein Familienmensch. Trotz der weiten Entfernung zwischen Barmbek und Shanghai, wo ihre Eltern wohnen, ist der Kontakt zu ihrer Mutter sehr eng. Bis Dezember telefonierten sie oft stundenlang in der Woche. Dann brach der Kontakt vor Weihnachten plötzlich ab. „Wir wunderten uns nach ein paar Tagen, dass nur noch ihr Vater mit uns sprach“, sagt ihr Ehemann Yake Zhou. Aus Angst vor Repressionen in China erzählte der Vater erst nach Wochen, was mit Xiaojuns Mutter passiert ist.
Die Nachricht ist ein Schock für die 40-Jährige. Ihre Mutter Julan Ye wurde verhaftet und sitzt seit zwei Monaten ohne Prozess in einem chinesischen Gefängnis. Polizisten standen am 9. Dezember unvermittelt vor ihrer Tür und nahmen sie mit. „Viel schlimmer ist, dass die Behörden keinen Kontakt zulassen. Wir wissen nicht mal, ob sie überhaupt noch lebt“, sagt Yake Zhou, der in einer Hamburger IT-Firma arbeitet.
Warum sie verhaftet wurde ist unklar. Das Ehepaar aus Barmbek vermutet politische Hintergründe. „Meine Mutter praktizierte Falun-Gong gegen ihre Schmerzen“, sagt Xiaojun Ye. Die Falun-Gong-Bewegung wird unterschiedlich eingeordnet. Ihre Anhänger selbst sagen, unpolitisch und nicht religiös zu sein. Die chinesische Regierung verfolgt Anhänger der Bewegung seit 1999. Klar ist, dass es bis zu ihrem Verbot in China mehr als 100 Millionen Mitglieder gab.
Für die 67-jährige Mutter von Xiaojun bedeuteten die Übungen der Falun-Gong das Ende einer jahrelangen Leidenszeit. Seit einem Arbeitsunfall in den 1980ern hatte die gelernte Ingenieurin starke Gelenkschmerzen, Herzprobleme kamen später hinzu. Weder die traditionelle chinesische Medizin noch westliche Medikamente konnten die Schmerzen lindern. Erst die Falun-Gong-Meditationsübungen halfen.
Mehr als 8.500 Kilometer entfernt und ohne ein Lebenszeichen haben Xiaojun und Yake Ye mittlerweile schlimme Befürchtungen. Die beiden haben Angst, dass ihre Mutter getötet wurde. Seit Jahren gibt es Gerüchte, wonach chinesischen Gefangenen gegen ihren Willen Organe entnommen werden. Die Regierung in Peking spricht von Freiwilligen und zum Tode Verurteilten.
Amnesty International hat Zweifel an der Darstellung und untersucht die Vorwürfe. „Bislang war es uns aber nicht möglich, diese Vorwürfe zu bestätigen oder sie zu widerlegen“, sagt Dirk Pleiter von Amnesty International. Laut der Menschenrechtsorganisation sind Folter und Misshandlung von inhaftierten Falun-Gong-Mitgliedern Alltag.
In ihrer Verzweiflung haben sich die beiden Barmbeker an die Hamburger Politik gewandt. Bei einem Stadtteilgespräch berichteten sie Olaf Scholz, Hamburgs Erstem Bürgermeister, von ihrer Mutter. Aus dem Rathaus heißt es dazu: „Staatsrat Wolfgang Schmidt, Bevollmächtigter Auswärtiges, sprach den Fall bereits gegenüber dem Generalkonsul der Volksrepublik China in Hamburg an und vermittelt nun einer Kontaktaufnahme innerhalb der Familie“, so Senatssprecher Christoph Holstein.
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