Hamburg: Doppelte Tragik vor Gericht

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Die Verteidigung fordert einen Freispruch wegen Schuldunfähigkeit Symbolfoto: Thinkstock

„Sie liegt im Sterben“. Vater rast zur kranken Tochter – und fährt Bramfelder tot

Hamburg. Ein Unfall wie aus einem Horrorfilm: Der weiße Mercedes schießt auf die Kreuzung Wandsbeker Marktstraße/Wandsbeker Allee zu, Fahrtrichtung stadteinwärts. Es ist der 2. Mai dieses Jahres, 15.20 Uhr. Es herrscht starker Verkehr. Die Ampel, auf die der Mercedes zurast, zeigt Rotlicht. Einige Fahrzeuge halten bereits vor der Ampel. Der weiße Mercedes aber bremst nicht ab. Um an den wartenden Autos und der Ampel vorbeizukommen, fährt er auf die Gegenfahrbahn. Ein Bus und mehrere Autos müssen scharf bremsen, um einen Unfall zu vermeiden.
Nur Fußgänger Ralf-Dieter B. (56) aus Bramfeld, der gerade bei Grün den Zebrastreifen überquert, hat keine Chance. Er wird frontal von dem Mercedes erfasst. Der Fußgänger wird über das Dach des Mercedes geschleudert und fliegt 21 Meter durch die Luft. Ralf-Dieter B. erleidet schwerste Kopfverletzungen, Frakturen und innere Verletzungen, von denener sich nicht mehr erholt. Er stirbt 18 Tage nach dem Unfall.

Unfallfahrer flüchtet

Rudolf K. (24) ist der Fahrer des Autos. Er bleibt nach dem Unfall kurz stehen, gibt dann aber Gas und fährt mit dem cremeweißen Geländewagen weiter in die Claudiusstraße. Aus seinem Mercedes ML 63 AMG (ein Auto mit 557 PS) ruft er um 15.27 Uhr die Polizei an und gibt sich als Unfallfahrer zu erkennen. Als die Polizisten ihn finden, steht der junge Mann unter Schock. Er erklärt: „Meine Tochter liegt im Sterben. Ich weiß nicht mehr, was ich gemacht habe.“

„Gehirn war ausgeschaltet“

Jetzt begann der Prozess gegen den Fahrer vor dem Wandsbeker Amtsgericht. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen den Angeklagten: Fahrlässige Tötung, Gefährdung des Straßenverkehrs und unerlaubtes Entfernen vom Unfallort. Delikte, für die es normalerweise eine schwere Strafe geben würde. Doch möglicherweise geht der Angeklagte straffrei aus. „Zur Zeit des Unfalls war sein Gehirn ausgeschaltet“, sagt seine Psychotherapeutin Dr. Eleonora W. (64).
Kurz vor dem Unfall hatte Rudolf K. während des Besuches bei einem Freund telefonisch erfahren, dass seine kleine Tochter mit akutem Nierenversagen ins UKE gebracht würde. Es bestand Lebensgefahr für das Kind. „Nach diesem Anruf war er wie von Sinnen“, sagt sein Freund Martin A. (25).: „Er schlug sich selbst mit den Händen gegen den Kopf, stürzte zu seinem Auto und fuhr davon.“
Psychotherapeutin Dr. Eleonora W. erklärt: „Durch die Angst um sein Kind war er in einer akuten Belastungssituation. Stresshormone haben dann das Gehirn ausgeschaltet, eine Funktion des Gehirns, um sich selbst zu schützen.“

Zeugen unter Schock

Aus den Gesprächen mit dem Angeklagten habe sie erfahren, dass er kein Erinnerungsvermögen an den Unfall habe. Er könne sich nur an ein lautes Geräusch erinnern und an Augen, die ihn plötzlich anstarrten. Die Therapeutin: „Wäre das Kind tatsächlich gestorben, hätte er eine Langzeittherapie haben müssen!“ Viele Menschen, die Augenzeugen des Unfalls wurden, können den grausigen Anblick nicht vergessen. Fahrlehrer Arne E. (28), der mit seinem Auto vor der roten Ampel stand: „Viele Leute, die das gesehen hatten, schrien und weinten, einige brachen zusammen.“ Zeuge Rick M., der als Passagier im Bus saß: „Das war wirklich schlimm. Die Bilder bin ich bis heute nicht losgeworden.“

Nach diesem Verhandlungstag war es dem jungen Richter nicht möglich, ein Urteil zu fällen. Ein gerichtlich beauftragter Gutachter soll zuvor ein weiteres Gutachten über Rudolf K. erstellen. Der Anwalt des Angeklagten erklärte: „Dieser Fall hat eine besondere Tragik. Ein schuldhaftes Verhalten liegt jedoch nicht vor.“ Der Richter wird in den nächsten Tagen entscheiden. (je)
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