Hamburg: Ganz offen gegen Gewalt in Beziehungen

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„Wir passen aufeinander auf und informieren über Unterstützungsangebote“: Rukiye Camli macht mit Anwohnerinnen sichtbar, dass Steilshoop Gewalt in Beziehungen nicht duldet und Nachbarn zum Helfen bereit sind. Foto: Busse

Rukiye Camli aus Steilshoop engagiert sich im Projekt „StoP!“. Bewusstsein schaffen und Hilfe vermitteln

Von Christina Busse
Hamburg. Viele engagierte Menschen wohnen in Steilshoop, die den Stadtteil noch lebenswerter machen wollen. Rukiye Camli ist eine von ihnen. Sie ist hier geboren und aufgewachsen, viele Leute kennen die 36-Jährige – besonders seitdem sie sich für das Projekt „StoP! Stadtteile ohne Partnergewalt“ stark macht.

Gleich als die Idee 2010 vorgestellt wurde, wollte sie das Modell, das sich dem Thema von Gewalt in Beziehungen annimmt, unterstützen. „Es ist toll, jemandem helfen zu können: Betroffenen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind“, sagt Camli. Das Besondere an „StoP!“: Anwohnerinnen aus dem Stadtteil geben der Kampagne nicht nur ihr Gesicht – auf Plakaten und in Broschüren –, sondern sie nehmen die Informationsarbeit selbst in die Hand. Mit Ausstellungen und Infoständen, Flyern und Plakaten holen sie das Thema, das sich meist hinter verschlossenen Türen abspielt, aus der Anonymität heraus.
„Wie kann ich meine Nachbarn von oben über den Lärm der vergangenen Nacht ansprechen?“, „Was kann ich tun – ohne mich selbst in Gefahr zu bringen?“ oder „Soll ich mich einmischen und die Polizei rufen?“, sind Fragen, auf die sie eingehen. Gleichzeitig wollen sie dazu beitragen, dass Betroffene sich eher anvertrauen und Beratung in Anspruch nehmen. Die zehn Frauen, die sich dazu ehrenamtlich in Steilshoop engagieren, schärfen das Bewusstsein fürs Thema und sie vermitteln weiterführende Hilfen.

Privileg für den Stadtteil

„Wir zeigen Wege auf, können auch als Begleitperson oder Dolmetscherin auftreten“, sagt Camli. Die Motivation für ihr Engagement sei vielfältig, berichtet sie. „Manche kennen die Situation aus ihrem eigenen Umfeld und möchten andere vor einem ähnlichen Schicksal bewahren, andere möchten einfach dazu beitragen, Konflikte zu lösen und Familien darin unterstützen, glücklich zu leben“, so Camli. Wichtig ist es ihr zu betonen, dass das Projekt nicht in Steilshoop gestartet wurde, weil Partnergewalt hier mehr vorkomme als in anderen Stadtteilen.
„Es war ein Privileg für uns, dass wir hier „StoP!“ erstmals anwenden konnten“, erklärt sie und ist stolz darauf, dass hier Frauen aus Deutschland, Ghana, Afghanistan, aus der Türkei und dem Iran gemeinsam für ein wichtiges Thema an einem Strang ziehen. Weitere Interessierte sind jederzeit willkommen – auch Männer! Bei einem Frühstück am Mittwoch, 3. September, um 10.30 Uhr im Haus der Jugend, Gropiusring 43, gibt es Gelegenheit zum Kennenlernen.
Sabine Stövesand, Professorin für Soziale Arbeit an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW), hat den neuen Ansatz zur Vorbeugung von häuslicher Gewalt entwickelt. Grundlagen sind ihre praktischen Erfahrungen in der Frauenhaus- und Stadtteilarbeit. Erstmals wurde ihr Modell mit dem Namen „StoP! Stadtteile ohne Partnergewalt“ in Steilshoop umgesetzt.
Im Mittelpunkt steht die Einbeziehung der Nachbarschaft: Gemeinsam mit dem Haus der Jugend, der Elternschule, dem Quartiersbüro, Bewohnerinnen und Bewohnern ist seit 2010 ein soziales Netz geknüpft worden, das sich
dem Problem der Gewalt in Partnerbeziehungen annimmt. „Gerade weil Beziehungsgewalt überwiegend zu Hause stattfindet, hat die Nachbarschaft eine wichtige Funktion“, erklärt Stövesand.
„Ihre Reaktion hat Einfluss, und je stärker ein Gewaltopfer sozial eingebunden ist, je weniger anonym die Nachbarschaft ist, je mehr Aufmerksamkeit und Unterstützungsbereitschaft sie signalisiert, desto eher finden die Betroffenen in einer Krisensituation Hilfe. Nachbarn sind diejenigen, die am schnellsten erreichbar sind.“ Stövesands Erfahrung aus vier Jahren Arbeit in Steilshoop: „Es funktioniert – auch in einer Großsiedlung!“

„Tabu-Thema“

Besonders freut sie sich darüber, dass der Kreis der ehrenamtlich Aktiven breit aufgestellt ist – von jung bis alt, international, kreativ und langanhaltend. „Einige sind seit dem ersten Treffen dabei und es sind vielfältige Aktivitäten entstanden“, berichtet Stövesand, für die dieser Erfolg nicht selbstverständlich ist. Denn nach wie vor sei Gewalt in Beziehungen ein Tabuthema. „Dazu in der Nachbarschaft Gesicht zu zeigen, ist ein sehr mutiger Akt“, betont die Sozialarbeitswissenschaftlerin. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass ein Projekt wie „StoP!“ selbst langfristig finanzielle und professionelle Unterstützung brauche. „Das Thema ist nicht schnell erledigt, sondern zielt auf eine grundsätzliche Veränderung in der Gesellschaft ab“, so Stövesand.

Info:
Finanziert wird das Projekt von der HAW, der Behörde für Arbeit, Soziales,
Familie und Integration und aus Mitteln der integrierten Stadtteilentwicklung (RISE). Anfragen beispielsweise aus anderen Bundesländern,
die das Konzept übernehmen wollen, gibt es bereits. Weitere Informationen zu „StoP!“ im Internet unter stop-partnergewalt.org(cb)
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