Hamburg: Gute Zeiten für Ratten

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Die Meldungen über Rattenbefall, die 2013 beim Institut für Hygiene und Umwelt eingegangen sind, aufgeschlüsselt nach Bezirken
 
Eberhard Baur ist unter anderem Experte für Hornissen und Ratten Foto: wb

Warmes Wetter begünstigt Vermehrung. Was die Nager fernhält

Von Mathias Sichting


Die Stadt an Alster und Elbe hat mehr Ratten als Einwohner, sagt der Volksmund. Fakt ist: In den Bezirken Wandsbek und Nord und Mitte gab es im Jahr 2013 die höchsten Sichtungszahlen, die dem Hygieneinstitut gemeldet wurde (siehe Grafik).

Eine Ratte kommt nie allein: Mit der warmen Jahreszeit beginnt jetzt die Vermehrungszeit der Ratten. Die Nager mit Knopfauge gelten – wenn sie nicht als Zierratte als Haustier gehalten werden – als Krankheitsüberträger und lösen bei vielen Menschen Gänsehaut aus. Das Wochenblatt sprach mit dem Hamburger Biologen Eberhard Baur über Dichtung und Wahrheit rund um Ratten. Der pensionierte Lehrer – auch als „Hornissenkönig“ bekannt – hält regelmäßig im Botanischen Sondergarten Wandsbek Vorträge.

WochenBlatt: Wie gefährlich sind Ratten? Sind die Angst und der Ekel vieler Menschen berechtigt?
Eberhard Baur: Ratten, beziehungsweise ihre Flöhe, sind dafür berüchtigt, dass sie im Mittelalter die Pest verbreiteten. Das hat wesentlich zu ihrem besonders schlechten Ruf beigetragen. Da die Pest hierzulande ausgerottet ist, stellt dies aber mittlerweile keine Gefahr mehr dar. Außerdem stellen Ratten ein
Reservoir für die durch Zecken übertragene Borreliose dar.
Es gibt noch einige andere seltene Infektionskrankheiten, z.B. die Weil-Krankheit mit 15 bis 20 Fällen pro Jahr in Deutschland, die durch sie und ihre Hinterlassenschaften übertragen werden können. Das Risiko, auf diese Weise zu erkranken, ist aber weitgehend auf Berufsgruppen begrenzt, die direkt mit wildlebenden Ratten zu tun haben, also Kanalarbeiter oder Schädlingsbekämpfer. Durch Ratten verunreinigte Lebensmittel dürfen nicht in Verkehr gebracht werden. Ansonsten stellen Ratten keine nennenswerte Gefahr
dar. Sie sind sehr misstrauische und vorsichtige Tiere, die dem Menschen, wenn immer möglich, ausweichen und ihn nicht angreifen.

WB: Um welche Rattenart handelt es sich, die sich in den Grünanlagen einnistet?

Baur: Dabei handelt es sich um die Wanderratte, rattus norvegicus. Die früher bei uns auch verbreitete Hausratte, „rattus rattus“, ist hierzulande so gut wie ausgestorben. Sie steht sogar auf der Roten Liste gefährdeter Arten.

WB: Haben Ratten natürliche Feinde?
Baur: Ja, Greifvögel, Eulen und Füchse haben Ratten und auch Mäuse als notwendige Nahrungsgrundlage. Die in Hamburg auch sehr verbreiteten Steinmarder ernähren sich bis zu 80 Prozent von Ratten.

WB: Wie kann man Ratten vom eigenen Haus und Garten fern halten?
Baur: Essens- und Futterreste machen Haus und Garten für Ratten attraktiv. Insbesondere nachts sollte man derartiges für die Tiere unzugänglich machen und auch auf gar keinen Fall auf den Komposthaufen geben. Das ist für Ratten wie ein gedeckter Tisch! Außerdem können längere Reihen niedriger Sträucher dicht am Haus den Ratten als geeignete Verstecke und schützende Fortbewegungsstrecken dienen.

Tipps an das Institut für Hygiene


WB: Wie muss man sich verhalten, wenn man in seiner näheren Umgebung feststellt, dass Ratten eingezogen sind? Wer ist zuständig?
Baur: Wenn man auf Straßen, öffentlichen Grünanlagen und Spielplätzen Ratten beobachtet, sollte man sich an das Institut für Hygiene und Umwelt (t 040/ 42845 77) wenden. Die Mitarbeiter werden dann von Amtswegen kostenlos tätig. Auf Privatgrund ist der Grundeigentümer zuständig. Der muss sich auf seine Kosten an einen Schädlingsbekämpfer wenden. Auf jeden Fall sollte er aber als erstes die Attraktivität seines Grundstücks für Ratten zu verringern versuchen. Wichtig ist auch, der Nachbarschaft mitzuteilen, dass man einen Feldzug gegen die Ratten plant. Ziehen nicht alle Anwohner mit, bringt der Kampf gegen die Tiere nichts. Sie ziehen dann einfach weiter und halten sich dort auf, wo weniger Gefahr droht.

WB: Trotz Bekämpfung gibt es in Hamburg mehr Ratten als Bürger. Warum? Ist Hamburg die Rattenhauptstadt?
Baur: Erst durch eine übermäßige Zahl einzelner Tiere einer Art entsteht eine Plage. Im Falle der Ratten sind wir Menschen insbesondere durch sorglosen Umgang mit Essensresten die Haupturheber.
Alle Großstädte, auch im Ausland, leiden unter Ratten. Die genaue Zahl der Ratten in Hamburg ist unbekannt. Man kann nur schätzen. Die Vielzahl der Tiere ist insbesondere auf eine gute Versorgungslage zurückzuführen. Je mehr Lebensmittel ungeeignet „entsorgt“ werden, zum Beispiel, wenn man Essensreste in die Toilette schüttet, um so üppiger ist die Nahrungsversorgung für die Ratten. Die Kanalisation wird auf diese Weise für die Tiere zum Schlaraffenland.

WB: Hat Hamburg viele Ratten, weil es hier so viel Wasser durch Elbe und Alsterlauf gibt?
Baur: Wasserflächen wie Flussläufe, Kanäle, Fleete oder Teiche sind zwar vorteilhaft für Ratten, aber nicht entscheidend. Wichtiger ist die Nahrungsversorgung. Und die ist in allen Großstädten für die Ratten übermäßig gut.

WB: Die warme Jahreszeit hat begonnen. Es zieht die Menschen hinaus ins Grüne.
Wie lautet ihr Appell an Parkbesucher?

Baur: Wenn man ein Picknick veranstaltet oder ein Grillfest feiert, sollte man hinterher alle Reste einsammeln. Leere Flaschen und Dosen sehen nicht nur unschön aus. Essbare Reste wie halbe Brötchen, angebrannte Fleischreste oder Kartoffelsalat sind Delikatessen für die Ratten.

WB: Der Mensch profitiert auch von der Ratte. Warum werden Ratten so häufig als Versuchstiere genutzt?
Baur: Ratten sind in biologischer Hinsicht recht gut mit dem Menschen vergleichbar. Die Versuchsergebnisse können wichtige Rückschlüsse auf uns zulassen. Außerdem ist die Haltung von Ratten recht einfach. Die Tiere beanspruchen nicht all zu viel Platz. Das ist kostengünstig. Die hohe Reproduktionsrate und die relativ kurze Generationsfolge sind für viele Fragestellungen, wie medikamentenbedingte Missbildungsrisiken in der Schwangerschaft, sehr vorteilhaft. Ein Rattenweibchen bekommt im Durchschnitt sechs Junge. Diese sind bereits nach drei bis vier Monaten selbst schon wieder fortpflanzungsfähig. Allerdings sollte man Versuche an lebenden Tieren so weit wie möglich einschränken. Daher werden zunehmend Ersatztests entwickelt.

„Als Haustier perfekt zum Ausprobieren“


WB: Was halten Sie von einer Ratte als Haustier?
Baur: Es handelt sich dabei
nicht um die wilden Wanderratten, sondern um besondere Zuchtformen, die Farbratten. Diese Tiere sind durchaus geeignete Haustiere. Sie sind leicht zu halten, reinlich, werden sehr zahm, hören auf ihren Namen, sind neugierig, lernfähigund gut dressierbar. Solche Farbratten sind besonders gut als Ersttier geeignet, weil sie nur etwa zweieinhalb Jahre alt werden. Dadurch kann man ausprobieren, ob man auf Dauer ein Haustier halten möchte, ohne sich gleich so lange zu binden, wie bei Hunden oder Katzen.
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