Ist die Sanierung maroder Häuser in Steilshoop eine Mogelpackung?

Anzeige
Hans-Werner und Gisela Türcke in ihrer Wohnung im achten Stock. Sie wohnen seit fast 40 Jahren hier Foto: M. Thielcke
 
So sollen die neuen Fassaden aussehen, wie eine Visualierung zeigt Fotos: t-altbau/plan 4930/D. Martin/wb

Mieterverein: Gagfah holt in Steilshoop nur Instandhaltung nach. Sorge vor Mieterhöhungen - und eine SPD-Abgeordnete als neue Gagfah-Mitarbeiterin

Von Silvia Stammer

Steilshoop. Es könnte ein ungewöhnliches Jubiläum für Hans-Werner Türcke (75) und seine Frau Gisela (74) werden: Am 1. Dezember wohnen sie genau 40 Jahre in ihrer 80-Quadratmeter-Wohnung im César-Klein-Ring 34. Wenn sie dann noch dort wohnen.

Ihr Vermieter, der Wohnkonzern Gagfah, will von dem Ehepaar nach Abschluss großangelegter Bauarbeiten in der Siedlung statt 645 Euro künftig 790 Euro pro Monat. „Dabei müssen wir jetzt schon scharf rechnen“, sagt Türcke, der jahrzehntelang bei der Post arbeitete und mit seiner kleinen Rente eine solche Mieterhöhung kaum verkraften kann.

Wie Türcke freuen sich viele Anwohner grundsätzlich darüber, dass die hässlichen Betonfassaden mit den undichten Fugen saniert, Loggien repariert und Treppenhäuser gestrichen werden sollen. Schimmel und Durchfeuchtungen waren hier zu oft Begleiter. Aber Mieter und der Mieterverein zu Hamburg fürchten eine Mogelpackung der Firma, die Schlagzeilen machte, weil sie ihre Objekte – und damit die Menschen darin – vernachlässigte. Geschäftsführer Siegmund Chychla vom Mieterverein: „Aus unserer Sicht ist das vor allem das Nachholen der Instandsetzung, verpackt in eine Modernisierung, um Mietzuschläge zu bekommen.“ Und Rechtsbeistand Dr. Rolf Bosse sagt: „Die Gagfah verängstigt und verunsichert die Mieter.“

Sozialbindung passé

Von den insgesamt 2.085 Wohnungen, die von dem Wohnkonzern in Steilshoop bewirtschaftet werden, waren laut Stadtentwicklungsbehörde 1.647 Sozialwohnungen. 1.394 sind jedoch 2013 aus der Sozialbindung gelaufen, wie die Behörde auf Wochenblatt-Anfrage mitteilte. Jetzt kann die Gagfah dafür mehr Miete verlangen – und erst jetzt wird investiert.

Was ist genau geplant? Ab Juli will die Gagfah ihre Häuser mit rund 180 Wohneinheiten im César-Klein-Ring und im Schreyer-Ring bis Ende 2014 sanieren. Die Vorarbeiten sollen noch im April starten. Davon sind, so heißt es in Gagfah-Schreiben an die Mieter, 3,2 Millionen Euro für Modernisierung, 1,6 Millionen Euro Euro für Instandhaltung gedacht. Ein Verhältnis, das der Mieterverein stark bezweifelt.

„Insgesamt sollen 100 Millionen Euro in den nächsten zehn Jahren für die Quartiere in Hamburg investiert werden“, teilt Gagfahsprecherin Bettina Benner mit. Renoviert werde auch in Eidelstedt und Wilhelmsburg. In Steilshoop will sich das Unternehmen außerdem mit 1,5 Millionen Euro am Housing Improvement District (HID), einem städtebaulichen Entwicklungsprogramm, und 200.000 Euro am Quartiersmanagement beteiligen.

Für die Mieter im César-Klein-Ring 34-40 und im Schreyerring 51 würden sich aus der Umlage der Kosten eine Erhöhung um etwa 2,50 Euro pro Quadratmeter ergeben. Man verzichte jedoch auf einen Teil: „Die Mieten sollen bezahlbar bleiben, bei gestiegener Wohnzufriedenheit“, so Sprecherin Benner. Angekündigt ist jetzt eine Maximalmiete von acht Euro pro Quadratmeter. Der Mieterverein kritisiert die Rechnung der Gagfah: Nur die Kosten der Dach- und Fassadendämmung könnten umgelegt werden, aber nicht die Kosten der Sanierung inklusive Einrichtung der Baustellen, Gerüst und ähnlichem. Der Verein rät den Mietern, die Arbeiten zu dokumentieren und bis spätestens zu Beginn der Baumaßnahme der Gagfah gegebenenfalls schriftlich mitzuteilen, dass die angekündigte Mieterhöhung eine wirtschaftliche Härte für den Mieter darstellt.

Rund 40 Mieter ließen sich bereits auf einer Versammlung beraten. Für den 22. April hatte sich auch ein Gagfah-Manager beim Mieterverein zum Gespräch angekündigt. Geschäftsführer Chychla: „Wir wollen eine Globalregelung für die Miete.“
Auch die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt hat in mehreren Gesprächen an die Gagfah appelliert, darauf zu achten, dass die „Mieten bezahlbar bleiben und die Mietnebenkosten durch die energetische Sanierung substanziell gesenkt werden“. Bei den verbliebenen 253 Sozialwohnungen werde die zuständige Hamburgische Investions- und Förderbank (IFB) prüfen, in welchem Maße die Gagfah-Arbeiten wirklich Modernisierungmaßnahmen seien. Durch die IFB könne die Stadt der Gagfah außerdem eine Förderung bei Modernisierung anbieten, um die Kaltmiete sozialverträglich zu halten.

Im Bezirksamt Wandsbek lag bis Redaktionsschluss übrigens kein Bauantrag für die Gagfah-Maßnahmen vor. Und: Die SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Dorothee Martin (36) aus dem Wahlkreis Fuhlsbüttel-Alsterdorf-Langenhorn ist neue stellvertretende Bereichsleiterin der Gagfah, sie ist laut Firmenhomepage im Bereich „Leitung Operations“ tätig.

Das Wochenblatt wollte wissen, ob Dorothee Martin achten werde, dass Mieterhöhungen angemessen und nur bezogen auf Modernisierung durchgeführt werden, zumal die SPD ja nachdrücklich für sozial geförderten Wohnraum eintritt. Martin teilte mit, dass sie in der SPD-Fraktion nicht für Stadtentwicklung und Wohnen zuständig sei. Bei möglichen Interessenskonflikten bei Abstimmungen werde sie sich der Stimme enthalten.
Anzeige
Anzeige
1 Kommentar
6
Claudia Heese-Theinert aus Steilshoop | 07.05.2014 | 21:32  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige