Junge Barmbeker wollen Stadtteil attraktiver gestalten

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Isaak, 17, zeigt Senatorin Melanie Leonhard Straßen, die schlecht beleuchtet seien Foto: sta
 
Hot Spots wurden vor dem Forum auf einem Stadtplan markiert Foto: sta

Auf dem 2. Jugendforum fordern Schüler bezahlbare Wohnungen und mehr Sicherheit. Hamburgs Jugendsenatorin ist beeindruckt

Von Silvia Stammer
Barmbek
Unter dem Motto „Create Barmbek“ sagten Jugendliche, wo’s kneift im Quartier – und die Senatorin hörte zu. Junge Leute sind doch heute gar nicht mehr interessiert an ihrem Stadtteil. Die gucken nur noch auf ihr Smartphone und interessieren sich für nichts. Soweit die Vorurteile. Doch die Realität sieht, zumindest in Teilen Barmbeks, definitiv anders aus. Beim 2. Jugendforum unter dem Motto „Create Barmbek Nord“ zeigten sich 38 Teilnehmer im Alter zwischen 16 und 19 Jahren voll bei der Sache. Einen Nachmittag lang steckten die jungen Leute, vornehmlich von der Helmuth-Hübener-Schule und dem Margaretha-Rothe-Gymnasium, die Köpfe zusammen, benannten Dinge im Quartier, die ihnen fehlen oder missfallen, und – das machte den Reiz aus – lieferten auch gleich noch Lösungsvorschläge. Jugendsenatorin Melanie Leonhard (SPD) kam auch auf einen Sprung vorbei und ließ sich von den jungen Leuten etwas aus ihrer Lebenswirklichkeit erzählen – ein Stück aus der Abteilung „Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft“.

Aktion auf Bundesebene


Ein bisschen wuselig wirkte dieser Dienstagnachmittag im großen Saal des Bezirksamtes Nord. Dort, wo sonst Lokalpolitik besprochen wird, hatten an diesem Novembertag junge Leute das Sagen, tauschten sich mit Vertretern von Kommunalpolitik und Verwaltung aus. In vier Ecken dominierten Stellwände den Raum, auf denen Themen, Fragen und Lösungsvorschläge skizziert waren. Sport, Aufenthalt beziehungsweise Sicherheit im öffentlichen Raum, Begegnungsstätten und (günstiges) Wohnen standen im Fokus. „Diese Felder hatten sich nach einer ersten Veranstaltung im Mai herauskristallisiert“, so Kirsten Krebs vom Jugendamt des Bezirks. Hintergrund der Aktion: Der Bezirk Nord nimmt am Bundesprogramm Jugendgerechte Kommune des Familienministeriums teil. Dabei sollen bundesweit – in Hamburg eben in Barmbek-Nord – junge Leute ihre Lebensräume untersuchen und gegebenenfalls konkrete Vorschläge zur Verbesserung machen. Ein „Austausch auf Augenhöhe“ war angedacht, so Bezirksamtsvize Tom Oelrichs, und die Jugendlichen bestätigten später, dass sie sich durchaus ernst genommen fühlten mit ihren Ansichten. Kein so schlechtes Zeichen in Zeiten von Politik- und Demokratieverdrossenheit.

Jungendliche präsentieren ihre Ideen


Das lag vermutlich auch am entspannten Auftritt von Jugendsenatorin Melanie Leonhard. Die zierliche 39-Jährige, die von so manchem Jugendlichen deutlich überragt wurde, schaffte es durch Zuhören und gelegentliche Nachfragen eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. Zielsicher ging sie auf die Themen-Ecke Sicherheit im öffentlichen Raum, ließ sich von Isaak Michailoglou, 17, die Arbeitsgruppenergebnisse vorstellen. Die Seitenwege nahe der U-Bahnstation Habichtstraße seien zu schlecht beleuchtet, ebenso der Park hinter dem Noldering, der Eichenlohweg hinter Famila und weitere Ecken. Fahrradwege auf der Straße, derzeit im Zuge des Fahrradkonzeptes in Hamburg oft vorgesehen, stoßen bei den jungen Barmbekern auf wenig Gegenliebe. Eine Informationskampagne und ein Tempolimit wurden zur Abhilfe vorgeschlagen. Zu wenig Sportplätze, zu wenig Indoorplätze, schlechte Beleuchtung und wenig ansprechende Ausstattung wurden im Bereich Sport kritisiert. Die Senatorin hakte nach: „Würdet ihr euch denn auch darum kümmern, wenn wir Fußball-Tore und Basketballkörbe mit Netzen installieren würden, wenn das für ein besseres Spielgefühl sorgt?“ Eifriges Nicken.

Vorbildlicher Einsatz


Außerdem gab es die Forderung nach bezahlbarem Wohnen für junge Leute. Für Schüler gelten unter 18 besondere Regelungen und sie benötigen die Erlaubnis der Eltern, wies Leonhard die engagierten jungen Mädchen hin – unter anderem auch eine Schülerin, die aus Mecklenburg-Vorpommern kommt und ihr Abitur in Hamburg machen möchte. Ein Sonderfall, trotzdem wurden Lösungsvorschläge genereller Art gemacht: Könnten nicht bei Neubauprojekten eine bestimmte Anzahl für junge Leute vorgesehen werden, fragte eine Teilnehmerin. Außerdem wurden die Angebote für Jugendtreffpunkte als unzureichend kritisiert. Es gibt sie, aber sie seien wenig zentral und könnten attraktiver sein, so das Fazit. Am Ende schob die Senatorin ihr vorgefertigtes Manuskript beiseite und bedankte sich in freier Rede für das Engagement der Jugendlichen: „Das ist nicht selbstverständlich, das finde ich richtig gut!“ Es sei vorbildlich, Probleme nicht nur zu benennen, sondern Lösungsvorschläge zu machen. „Da könnte sich manche Bürgerversammlung eine Scheibe von abschneiden.“ Umgekehrt habe sie gelernt, was junge Leute heute bewegt „und das ist etwas anderes als das, von dem Menschen wie ich annehmen, was junge Leute wollen sollen“. Sie hätte vielleicht eines der vier Themen geraten, die sich im Jugendforum durchsetzten, aber nicht alle vier. Im Frühjahr 2018 soll es weitergehen mit „Create Barmbek Nord“. Wie viel wirklich umgesetzt wird, bleibt abzuwarten. Trotzdem ist die Aktion ein gutes Beispiel dafür, wie konstruktives Miteinander aussieht, wenn sich Menschen begegnen, die sonst selten aufeinandertreffen.
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