Klarstellung längst überfällig

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An schneefreien Tagen sind die Ohlsdorfer Gräber besonders gut zu lesen: Rene Senenko von der Willi-Bredel-Gesellschaft kritisiert, dass Opfer der NS-Justiz zwischen Wehrmachtssoldaten beerdigt wurden. Er fordert eine bessere Beschilderung der Anlage. Foto: Biehl /hfr

NS-Opfer neben Tätern bestattet. Historiker und Auschwitz-Komitee fordern Kennzeichnung

Von Bert C. Biehl
Ohlsdorf. Auch 80 Jahre nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler ist die Aufarbeitung von zwölf Jahren Nazi-Diktatur keineswegs beendet. Wenn am kommenden Freitag im Rathaus erstmals eine Ausstellung über Deserteure eröffnet wird, ist auch der Umgang mit den bisher wenig beachteten Opfern von NS-Regime und Wehrmachtsjustiz bis in unsere Zeit ein Thema.
Welch seltsame Blüten dieser Umgang treiben kann, zeigt ausgerechnet ein Beispiel auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Seit Jahren kritisieren Historiker und Opferverbände, dass hier auf einer in den 50er-Jahren gestalteten großen Fläche zahlreiche NS-Opfer neben Tätern begraben wurden – unter dem Schild „Deutsche Soldatengräber“, ohne einen Hinweis auf ihre tatsächliche Identität. Für die Kritiker ist eine Klarstellung längst überfällig. Doch geschehen ist bisher nichts. Nun soll es offenbar zu diesem Thema endlich einen Runden Tisch geben.

„Ehrenallee“

Die „Krieger-Ehrenallee“ auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Auf zwei riesigen Feldern liegen Kissensteine in Reih und Glied. Ein monströser Tempelbau, pathetische Erinnerungsschwüre – Soldatengräber. So steht es auch auf allen Schildern. Doch wer genauer hinsieht, dem fällt auf, dass auf vielen Steinen das sonst eingeschlagene Eiserne Kreuz fehlt. Dort liegen keine Soldaten.
Rene Senenko von der Ohlsdorfer Willi-Bredel-Geschichtswerkstatt schreitet die exakt verlegten Reihen ab und deutet auf einen Grabstein: „Da ist wieder einer.“ Er hat die Platte mit der Aufschrift „Willy Dittmann“ entdeckt. Ein Deserteur, der Hitlers Raubkrieg nicht mitmachen wollte und in Frankreich mit seiner gesamten Einheit zur Resistance übergelaufen sei, so Senenko. Man habe ihn erwischt, nach Hamburg gebracht und auf dem Truppenübungsplatz am Höltigbaum hingerichtet. Eines von vielen Opfern der Wehrmachtsjustiz, die hier ihre letzte Ruhe fanden – ausgerechnet zwischen ihren Mördern.
Doch es kommt noch schlimmer. Am hinteren Rand des Gräberfeldes, nahe der Skulptur eines Pickelhaubensoldaten, lauten die Vornamen auf den Kissensteinen plötzlich Isaak, Aron, Jitzek oder Chaim. 46 jüdische Soldaten aus der russischen Armee liegen hier, gleich in den ersten Tagen auf dem Territorium der damaligen UdSSR festgenommen. Im Kriegsgefangenenlager wurden sie als Juden selektiert, nach Hamburg verschleppt und im KZ Neuengamme im Rahmen einer Massenexekution hingerichtet.

Erschütternd

Ebenfalls auf dem Gelände liegen die Grabsteine für acht Säuglinge und Kleinkinder. Es waren Kinder von Zwangsarbeiterinnen in Langenhorn, die den Müttern weggenommen wurden. Historiker gehen davon aus, dass sie im Krankenhaus Ochsenzoll umgebracht wurden. Ursprünglich waren es wohl an die 150 Säuglinge, deren eigenes Gräberfeld in den 1950er-Jahren aufgelöst worden war. Nur diese acht sind übrig. Auch hier: kein Schild, das auf die näheren Umstände ihres Todes hinweist. Gefallene des Krieges? „Das ist hier eine Gemengelage“, kommentiert Senenko sarkastisch. Er fordert, die Anlage endlich optisch so zu gestalten, dass sie für den Betrachter Klarheit schafft, damit auch diese Aspekte des NS-Terrors endlich beleuchtet werden.
Unterstützung bekommt er dafür vom deutschen Auschwitz-Komitee: „Fast 68 Jahre nach der Befreiung ist es an der Zeit, diese Orte kenntlich zu machen, diese Toten zu würdigen“, sagte die Sprecherin des Komitees, Helga Obenhaupt, dem WochenBlatt. Denn es seien keine „Gefallenen“, sondern Opfer der Naziherrschaft. „Jetzt brauchen wir endlich eine angemessene Umsetzung der bekannten Ergebnisse. Das sind wir den Toten schuldig“, so Obenhaupt.
Bemerkenswert: Die Zustände auf dem Soldatenfriedhof hat der Hamburger Historiker Herbert Diercks bereits vor 20 Jahren in einem Buch veröffentlicht. „Das ist damals überhaupt nicht zur Kenntnis genommen worden“, sagt der Wissenschaftler, der heute als Forscher in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme arbeitet. Auf Nachfrage bekannte die Friedhofsverwaltung, das Thema stehe „ganz oben auf der Prioritätenliste“, so deren Sprecher Lutz Rehkopf. Wenn es um die Gestaltung von Kriegsgräberfeldern gehe, werde allerdings der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VB) hinzugezogen. Jener hatte die Kriegsgräber-Anlage in den 1950er-Jahren gestalten lassen, zu einer Zeit, als es weniger um Aufarbeitung ging als um die Negierung von Verantwortlichkeiten.

Distanzierung

Der VB distanziert sich mittlerweile selbst von der „verherrlichenden Ästhetik“ und „Kalte-Kriegs-Metaphorik“ der Anlage, sagt die Hamburger Sprecherin Dr. Ulrike Dorfmüller: „So würden wir das heute nicht mehr gestalten.“ Und warum hat man nicht schon vor 20 Jahren auf die Erkenntnisse von Diercks bezüglich der „Gemengelage“ reagiert? „Das ist absolut kritikwürdig“, räumt Dorfmüller ein. Sie verweist auf Jugendprojekte des VB, bei denen auch auf dem Ohlsdorfer Friedhof bereits Erläuterungstafeln aufgestellt worden seien: „So könnte man das hier auch machen.“ Das koste allerdings Zeit und Geld. Zunächst will sie nun zu einem Runden Tisch einladen, der sich mit der Gestaltung befassen soll. (bcb/hfr)

Deserteure und andere Verfolgte der NS-Militärjustiz, Ausstellung, Hamburger Rathaus, Foyer, 25. Januar bis 15. Februar. Öffnungszeiten: Mo-Fr 10-18 Uhr, Sa-So 10-13 Uhr.
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