Letzte Villa vor dem Aus?

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Reinhard Otto: „Dieses Haus erzählt Barmbeker Geschichte. Es ist ein Schmuckstück, das zu diesem Stadtteil gehört.“ Foto: nk

Wieder ist ein altes Haus vom Abriss bedroht

Von Nicole Kuchenbecker
Barmbek. Es ist ein Kleinod, etwas ganz Besonderes und vermutlich das Letzte seiner Art im Stadtteil: das kleine Haus an der Hufnerstraße 122. Warum es nicht genutzt wird, weiß Reinhard Otto von der Geschichtswerkstatt Barmbek nicht.
Es steht leer. Und das schon eine ganze Weile. Abgeblätterte Farbe an den Fensterläden, Pflanzen, die sich durch das Mauerwerk „fressen“. Doch auf den ersten Blick sieht das Haus an der Hufnerstraße 122 bewohnt aus. Gardinen in den Fenstern und selbst am Klingelschild steht noch ein Name. Doch nach Recherchen einer Gruppe von fünf Barmbekern soll das Haus bereits seit acht Jahren unbewohnt sein. „Wir haben geklingelt und durch den Briefschlitz geschaut, aber da gibt es niemanden“, sagt die 23 Jahre alte Nora (Name von der Redaktion geändert), „es soll gezielt der Eindruck erweckt werden, dass hier jemand wohnt.“ Dieses Haus sei ein Teil von „früher“, so Reinhard Otto (56). Bereits auf Luftbildaufnahmen aus den 1920er Jahren ist das Haus zu sehen. „Es ist das letzte Relikt aus der Frühbauphase“, erklärt er weiter, auch, warum das Haus erhalten werden sollte: Es ist das Einzige seiner Art im Stadtviertel und daher besonders für Kunst- und Architekturfreunde interessant. „Die erhaltende Dachlandschaft ist einmalig“, schwärmt Otto. Sie wurde mit zwei Türmchen mit Spitze darauf gestaltet und es sei sehr ungewöhnlich, dass diese Konstruktion gut 100 Jahre fast unbeschädigt überstanden hat. Der Barmbek-Kenner: „So etwas ist definitiv anderswo nicht zu finden.“
Über die Nutzung des Hauses ist nicht viel bekannt. Nora und Freundin Anna (Name von der Redaktion ebenfalls geändert) haben recherchiert, denn sie möchten dieses Haus erhalten. Sie fanden heraus, dass die baulichen Überreste im Garten des Hauses historischen Charakter haben. Um 1897 gründete Franz Walter Vogel hier an der Hufnerstraße 122 bis 124 den Punktschriftdruckverlag. Es war der erste Verlag, der sich ausschließlich der Blindenkurzschrift zuwandte und vorwiegend Noten für blinde Musiker veröffentlichte. Auf Initiative von Franz Walter Vogel wurde zudem 1912 der Reichsdeutsche Blindenverband (heute Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V.) gegründet. Er übernahm den ersten Vorsitz.
„Wir wollen dieses Haus unter Denkmalschutz stellen lassen“, sagt Nora. Daher haben sie und ihre Freunde einen entsprechenden Antrag bei der Denkmalschutzbehörde gestellt. Das Ergebnis steht noch aus. Doch die Freunde hoffen. Anna: „Das Haus ist ein Schmuckstück. Wenn es verschwindet, dann würde in Barmbek einfach etwas fehlen.“(nk)
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