Letzter Sommer im Paradies Barmbek

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Vereinsvorsitzender Roland Heise hat seinen Garten in ein grünes Spielparadies für seine Tochter verwandelt Foto: mbs
 
Kleingärtnerin Helga hat resigniert und will nur noch den letztenSommer genießen Foto: mbs

Wegen Wohnungsneubau: Hamburgs Kleingartenverein Barmbeker Schweiz muss umziehen

Von Britt Tiede
Barmbek
Seit 99 Jahren, also fast ein ganzes Jahrhundert, existiert der Kleingartenverein Barmbeker Schweiz in Barmbek bereits. Zwischen Saarlandstraße und Alte Wöhr direkt am Hamburger Stadtpark gelegen. Nächstes Jahr sollte dort eigentlich Jubiläum gefeiert werden. Doch daraus wird nichts. Bis Ende November müssen knapp 59 Parzellen geräumt sein. So will es die Stadt Hamburg. Abgefunden hat sich damit mittlerweile auch Roland Heise, der Erste Vorsitzende des Vereins. Vor genau vier Jahren bekam der Verein eine Information von der Stadt Hamburg, dass eine Bebauung geplant sei. Genau dort, wo seit fast 100 Jahren Bäume wachsen, Blumen und Kräuter angepflanzt werden und sogar einige Kleingärtner sich ein zweites Zuhause geschaffen haben. Wenn man den Kleingartenverein am Saarlandstieg betritt, hat man das Gefühl, man befindet sich nicht in Hamburg. Vielmehr gleicht der Verein einer grünen Oase inmitten von befahrenen Straßen und bebauten Wohnsiedlungen. Aber diese grüne Oase wird nicht mehr lange existieren.

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Der Grund: das Mega-Bauprojekt Pergolenviertel. 4.000 Wohnungen sollen hier entstehen. Für Roland Heise und für viele Kleingärtner war die Nachricht vor vier Jahren ein Schock. „Meine Frau musste weinen. Wir hatten doch gerade erst den Garten neu angelegt“, erinnert er sich. Doch viele Kleingärtner wollten sich mit den Bebauungsplänen der Stadt nicht abfinden. Es wurde die Initiative „Eden für Jeden“ gegründet und Unterschriften gesammelt. Doch es half alles nichts. Die Kleingärten kommen weg. Immerhin hat die Initiative einen kleinen Erfolg feiern können. „Eden für Jeden hat zumindest dafür gesorgt, dass einige Parzellen bleiben können. Diese werden zwar verkleinert, aber immerhin“, sagt Roland Heise. Bis zum 30. November 2016 müssen 59 Parzellen besenrein geräumt sein. So schreibt es die Stadt vor. „Die Stadt wird alle betroffenen Kleingärtner entschädigen, aber den persönlichen Wert, den ersetzt natürlich so schnell keiner. Viele Kleingärtner verbringen bereits ihr ganzes Leben hier, da bleibt vielen das Gefühl, dass man ihnen ein Teil davon wegnimmt. Unser ältester Kleingärtner ist fast 90 Jahre alt. Viele würden lieber auf das Geld verzichten und ihren Garten behalten“, berichtet Roland Heise. „Der Stadtpark ist keine wirkliche Alternative, um sich hier in der Gegend zu erholen. Dieser ist im Sommer oft überfüllt und gärtnern kann man dort ja auch nicht“, sagt Heise. Gleich in der Nähe vom Vereinshaus liegt sein Kleingarten. Ein schöner großer Garten mit satt-grünem Gras. Ein großer Pflaumenbaum und ein prächtiger Apfelbaum ragen in den Garten. „Der Apfelbaum ist über 100 Jahre alt und die Pflaumen sind reif, die ernten wir natürlich noch ab, bevor hier alles abgerissen wird. Im Garten selbst machen wir nur noch das Nötigste. Es lohnt sich nicht wirklich, hier noch Unkraut zu zupfen. In gut drei Monaten müssen wir ja eh raus.“ Im Garten spielt die siebenjährige Tochter. „Sie weiß bereits, dass wir hier weg müssen. Begeistert ist sie natürlich nicht, aber wir versuchen, nicht darüber nachzudenken und genießen den Sommer hier so lange es eben noch geht“, berichtet Roland Heise.

Viele wollen nicht mehr umziehen


Immerhin: Die Stadt Hamburg hat dem Kleingartenverein eine Ausweichmöglichkeit organisiert. Der Anzuchtgarten des Hamburger Stadtparks wird das neue Zuhause von 59 kleinen Parzellen. „Es wird nicht dasselbe sein. Viele Kleingärtner wollen nicht mit umziehen. Ihnen fehlt die Kraft neu anzufangen. Dort ist ja noch nichts bepflanzt und es muss dort alles erst mal neu angelegt werden“, sagt Roland Heise. Helga D. (78) aus Barmbek und ihr Ehemann sind seit neun Jahren Kleingärtner im Kleingartenverein Barmbeker Schweiz und werden nicht mitumziehen. Bereits zum zweiten Mal erleben sie nun das, was jetzt wieder ansteht. Sie hatten vor gut zehn Jahren eine Parzelle im benachbarten Kleingartenverein am Alten Güterbahnhof. Dort mussten sie ebenfalls ihren Garten räumen, damit dort gebaut werden konnte. Sie wurden von der Stadt entschädigt und suchten sich eine neue Parzelle im Kleingartenverein Barmbeker Schweiz. Nun erleben Sie dasselbe Schicksal erneut. „Obwohl mein Mann und ich schon damals fast 70 Jahre alte waren, haben wir hier alles selber angelegt und den Garten gestaltet. Nun wird hier alles abgerissen und wir müssen schon wieder aus einem Kleingarten raus“, erzählt sie betroffen. Das Ehepaar hat ein schönes rustikales Holzhaus auf ihrer Parzelle stehen. Kleine Beete und viele Sträucher in bunten Farben säumen den kleinen Weg durch den Kleingarten. „Wir haben gedacht, wir können hier alt werden. Unsere Kinder und Enkelkinder kommen so gerne zu Besuch. In drei Monaten müssen auch wir hier raus sein.“ Einige Pflanzen aus ihrem Garten bietet die Kleingärtnerin eventuell beim Gartenflohmarkt des Kleingartenvereins an.

Am 25. September findet dieser sowie das große Abschiedsfest von 10 bis 17 Uhr im Saarlandstieg 37 statt. Mehr Informationen gibt es bei Roland Heise, E-Mail: vorstand451@freenet.de

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