„Momente des Chaos’ sind vorbei“

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Bezirksfraktionsvorsitzender Michael Werner-Boelz (GAL-Nord) vor dem Fraktionsbüro der Partei in der Bussestraße 1 in Winterhude. Foto: Barth

Noch sind sie „GALier“: Aber auch im Bezirk heißt es bald Bündnis 90/Die Grünen

Interview: Daniela Barth
30 Jahre GAL-Nord: Interview mit dem Bezirksfraktionsvorsitzenden Michael Werner-Boelz

WB: Darf ich Sie denn überhaupt noch „GALier“ nennen?
Michael Werner-Boelz: Ja, noch dürfen Sie „GAL-Nord“ sagen. Auf Landesebene haben wir uns schon in Bündnis 90/Die Grünen umbenannt, jetzt sind wir gerade dabei, uns auf Kreisebene umzubenennen. Die Bezirksfraktion wird das im August nach der Mitgliederversammlung in Angriff nehmen.
WB: Weshalb hat sich denn die Hamburger Grüne Alternative Liste (GAL) jetzt nach 30 Jahren überhaupt umbenannt?
Werner-Boelz: Auf Landesebene gab es schon seit Jahren Debatten um den Namen. Viele meinten, dass der Wiedererkennungswert der Hamburger Grünen mit dem Namen GAL nicht so hoch wäre – insbesondere für zugezogene Neuhamburger. Ich habe für die Umbenennung gestimmt. Ich kann gut damit leben.
WB: Weshalb agierten denn historisch betrachtet die Hamburger Grünen als „Grüne Alternative Liste“ anstatt wie sonst in der Bundesrepublik als die „Grünen“?
Werner-Boelz: In der Gründungsphase fanden sich politikinteressierte Menschen zusammen, die aus unterschiedlichen Richtungen kamen. Da gab es diejenigen, die mehr in der Ökologie verankert waren – eben grün – und dann die Alternativen aus Studentenbewegungen kommend und eher links orientiert. Zur Wahl 1982 gab es den Zusammenschluss zur Grünen Alternativen Liste, um gemeinsam zu kandidieren.
WB: Sie sind jetzt seit 16 Jahren bei der GAL aktiv. Hat sich nach Ihrer Wahrnehmung die GAL in dieser Zeit sehr gewandelt?
Werner-Boelz: Ja, da hat sich schon einiges im Laufe der Zeit geändert. Zum Beispiel finden Flügelkämpfe innerhalb der Grünen hier in Hamburg praktisch nicht mehr statt. Zum Teil ist das durchaus positiv zu bewerten, weil so ein entspanntes Klima vorherrscht, um Politik zu machen. Andererseits fehlen so auch ein bisschen die zugespitzten innerparteilichen Auseinandersetzungen. Und wir haben uns dahingehend gewandelt, dass die Momente des Chaos’ , wie wir sie in den Anfangsjahren hatten, gegen Null zurückgegangen ist. Wir arbeiten mittlerweile sehr strukturiert und verlässlich und das kriegen die Leute auch mit, wenn Sie ein Anliegen haben. Ich finde es wichtig, dass das, was wir machen, Hand und Fuß hat.
WB: Sind Sie – auch durch die mehrjährige Regierungsbeteiligung – angepasster geworden?
Werner-Boelz: Naja, zurzeit regieren wir ja nicht. (lacht). Ich sehe überhaupt nicht, dass wir angepasster sind. Wir sind die kraftvollste Oppositionfraktion im Bezirk – das sehe ich! Wir vertreten unsere Politik und unsere Werte, und das durchaus hin und wieder auch unkonventionell.
WB: Apropos unkonventionell: Wie stehen Sie als Gründer denn zu den Piraten, die ja gerade dabei sind, sich in der Politik zu etablieren. Erkennen Sie da Parallelen zu den Anfangsjahren der GAL?
Werner-Boelz: Nein. Ich wage zu behaupten, das dem nicht so ist: Bei den Piraten fehlen mir ehrlich gesagt die politischen Inhalte, die stehen eher für ein modernes Lebensgefühl...
WB: Das hat man den Grünen doch auch lange nachgesagt...
Werner-Boelz: Ja, das mag sein, aber die Grünen stammen aus der Umweltbewegung mit konkret formulierten politischen Zielen.
WB: Wie ist Ihre Mitgliederstruktur? Sind viele mit der GAL alt geworden oder verjüngt sie sich auch durch Nachwuchs?
Werner-Boelz: Wir haben tatsächlich nach wie vor guten Zuspruch und Zuwachs. Es gibt immer wieder neue junge Leute, die Lust haben, grüne Politik zu machen. Da können wir uns nicht beklagen.
WB: Worauf liegt der politische Fokus der GAL-Nord derzeit? Was möchten Sie verändern respektive auf den Weg bringen?
Werner-Boelz: Wir beschreiben unser politisches Anliegen immer als sozial-ökologisch: Soziale Gerechtigkeit und der Erhalt natürlicher Lebensgrundlagen sind uns wichtig. Da spielt insbesondere das Thema Verkehrspolitik eine große Rolle. Das ist bei uns im Bezirk ein Schwerpunktthema – angefangen bei der Langenhorner Chaussee über die Tempo-30-Reduzierung auf Hauptverkehrsstraßen bis hin zur Verhinderung von gesundheitsgefährdendem Verkehrslärm. Kulturpolitik ist für uns wichtig unter dem Fokus Stadtentwicklung durch Kultur: Das Musikerzentrum in Barmbek-Süd oder die ehemalige Theaterfabrik am Barmbeker Wiesendamm liegen uns da sehr am Herzen. Wir stehen auch sehr hinter den Integrationsleitlinien des Bezirks, die kürzlich beschlossen wurden. Da muss noch einiges passieren.
WB: Was haben Sie da im Sinn?
Werner-Boelz: Naja, es ist auffällig, dass wir zum Beispiel in der Bezirksversammlung kaum Migranten haben. Das ist ein Thema, bei dem man sich an die Nase fassen muss und sich fragen: Wie kann man Politik so gestalten, dass sich auch Migranten angesprochen fühlen. Da sind die runden Tische, an denen sich die Migranten-Communitys zusammenfinden können, um ihre Forderungen zu formulieren, ein Schritt in die richtige Richtung. Wir hoffen, dass es so eine Rückkopplung gibt mit den politischen Gremien im Bezirk.
WB: Vielen Dank für das Gespräch.
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