Nazi-Sympathisant als Namensgeber?

Anzeige
Einige Gebäude des Neubauviertels an der Finkenau stehen schon. Wegen der Benennung einer Straße gibt es jetzt UnmutFotos: Hanke/wb
 
War Dr. Julius Fressel ein Nazi?

Neue Julius-Fressel-Straße an der Finkenau sorgt für Unmut

Barmbek/Uhlenhorst. Ein neuer Straßenname sorgt für Unmut. In dem großen Neubauquartier zwischen Oberaltenallee, Finkenau und Uferstraße, in dem rund 500 Wohnungen auf einer 5,7 Hektar großen Fläche gebaut werden, ist eine der vier neuen Straßen, die das Wohnviertel erschließen werden, nach dem Arzt Julius Fressel (1857-1947) benannt worden. Er war der erste Direktor der früheren Frauenklinik Finkenau. Den Beschluss hatte im September 2010 der schwarz-grüne Senat gefasst.
Pikant: Fressel hatte am 11. November 1933 das „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“ mit unterzeichnet. Auf diesen Umstand war WochenBlatt-Leser Parsifal von Pallandt gestoßen. Er ist empört: „Ich finde es sehr fragwürdig, warum man im Jahre 2013 noch eine Straße nach einem bekennenden Nazi benennen muss, wo doch gerade in Hamburg über Monate schon eine Debatte geführt wird, dass alle belastenden Namen aus dem Hamburger Strassenkatalog verschwinden sollen.“
Das Staatsarchiv, das alle Vorschläge zu Straßenbenennungen zu prüfen hat, verteidigt die Entscheidung für die Julius-Fressel-Straße. Das Argument: Fressel sei nie Mitglied der NSDAP gewesen. So stehe es in seiner Entnazifizierungsakte. „Da bei Verkehrsflächenbenennungen ausschlaggebend ist, dass keine NS-Belastung vorliegen darf, bestanden somit gegen eine Benennung nach J. Fressel keine Bedenken“, antwortete Jörg-Olaf Thießen, im Staatsarchiv zuständig für die Benennung von Hamburgs Verkehrsflächen, auf eine Anfrage von Pallandts. Die Unterzeichnung des Bekenntnisses zu Adolf Hitler spielt für das Staatsarchiv nur „eine untergeordnete Rolle“, zumal Fressel damals bereits 76 Jahre alt war und sich seit 1923 im Ruhestand befand. Sie war zum Zeitpunkt der Benennung nicht bekannt, „ändert aber auch im Nachhinein nicht das Prüfergebnis“, so Thießen.
Dagmar Rams (CDU) hatte 2008 als Mitglied des Regionalausschusses Barmbek-Uhlenhorst-Hohenfelde-Dulsberg den Namen Dr. Julius Fressel für die Benennung im Quartier zusammen mit dem Namen Dr. Leo Leistikov vorgeschlagen. Dies vor dem Hintergrund, dass beide maßgeblich an der Entstehung der Geburtsklinik Finkenau beteiligt waren. „Es muss dabei berücksichtigt werden, dass der Bau der Geburtsklinik in der damaligen Zeit nicht unumstritten war, da in der Zeit Hausgeburten üblich waren; sich aber nur Wohlhabende die erforderliche medizinische Betreuung zu Hause leisten konnten. Mit der Geburtsklinik wurde diese Möglichkeit auch der armen Bevölkerung und den ‚gefallenen Mädchen‘ ermöglicht und so zur Senkung der Sterblichkeitsrate beigetragen“, begründet Dagmar Rams ihre Wahl. Allen, die sich für die Benennung einer der Straßen nach Dr. Fressel eingesetzt haben, seien sich seiner Sympathie für die Nazis nicht bewusst gewesen. „Da alle Benennungsvorschläge vor der endgültigen Senatsbeschluss auch noch durch das Staatsarchiv auf Benennungsfähigkeit und die jeweilige Vita geprüft werden, bin auch ich davon ausgegangen, dass die Benennung zulässig ist.“
Noch gibt es kein Straßenschild mit seinem Namen. Das Neubaugebiet an der Finkenau ist eine riesige Baustelle. Einige Gebäude stehen schon. Die Julius-Fressel-Straße wird in West-Ost-Richtung, parallel zur Finkenau durch das neue Viertel führen. Sie verbindet ausgerechnet zwei Straßen, die an NS-Opfer erinnern sollen: den Martha-Muchow-Weg und den Dorothea-Bernstein-Weg. Martha Muchow (1892 - 1933) war eine Psychologin und Pädagogin, die 1933 wegen ihrer Nähe zu dem jüdischen Wissenschaftler William Stern aller ihrer Ämter enthoben wurde. Sie starb kurz darauf nach einem Selbstmordversuch. Dorothea Bernstein (1893-1942) war eine jüdische Lehrerin, die an der nahe gelegenen Oberrealschule Lerchenfeld unterrichtete. Sie wurde 1941 nach Polen deportiert ermordet. (wb/ba)
Anzeige
Anzeige
1 Kommentar
6
Rolf B. Sievers aus Ammersbek | 11.11.2013 | 01:36  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige