„Nicht an Datenabgabe gewöhnen“

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Hamburgs Datenschützer Prof. Johannes Caspar Foto: wb

Datenschützer Caspar über den Barmbeker Schulskandal

Barmbek. Wenn in der Adolph-Schönfelder-Schule rund 350 Kinder mittags hungrig in die Schulkantine strömen, muss es schnell gehen. Um die Essensausgabe zu beschleunigen und sicher festzustellen, wer schon bezahlt hat, setzt das Unternehmen People & Projects IT aus Elmshorn nicht nur in der Barmbeker Schule, sondern in insgesamt 16 Schulen in Hamburg den sogenannten Fingerprint oder auch Fingerscan ein.

Etwa 90 Prozent der Schüler in der Adolph-Schönfelder-Schule nutzen die Art des Bezahlens. Dieses Verfahren ist jetzt aber in die Schlagzeilen geraten, weil sich Eltern darüber beschwerten, dass ihre Sprösslinge ihren Fingerabdruck hergeben mussten, obwohl sie sich dagegen und für das Bezahlen mit Chipkarte entschieden hatten. Schulbehördensprecher Peter Albrecht dazu: „ Schule und Eltern entscheiden an jeder Schule eigenverantwortlich über den Caterer und das Bezahlsystem. Die Schulbehörde achtet darauf, dass es sich um ein bargeldloses Verfahren handelt und dass die Eltern damit einverstanden sind. Fingerscan gegen den Willen der Eltern ist verboten.“
Wie sich herausstellte, hatte der Kantinenbetreiber versehentlich bei einigen Schülern mit Chipkarte die Fingerscans erhoben. Die Daten seien jetzt aber alle wieder gelöscht und er habe sich bei den Eltern entschuldigt, heißt es von Seiten der Schulbehörde. (ba)
Was Hamburgs oberster Datenschützer Caspar sagt
Seit dem Jahr 2009 ist Prof. Dr. Johannes Caspar Hamburgischer Beauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit. Wie bewertet der Experte den Fingerscan an Schulen?

WochenBlatt: Wie bewerten Sie das Fingerscan-Verfahren bei Schülern – und generell?
Prof. Johannes Caspar:

Die Erhebung biometrischer Daten ist datenschutzrechtlich nur mit einer wirksamen Einwilligung zulässig. Die Wirksamkeit setzt voraus, dass diese freiwillig und informiert abgegeben wurde. Allerdings ist zu beachten, dass Biometriedaten den besonders schützenswerten personenbezogenen Daten zuzurechnen sind, da sie unabänderlich sind. Daraus ergibt sich ein besonders hoher Schutzstandard.  

WB: Warum genau wollen Sie ein Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen den Caterer an der Adolph-Schönfelder-Schule einleiten? Was hätte das Unternehmen beachten müssen?
Prof. Caspar: Es wird geprüft, ob unzulässig Daten erhoben wurden. Zunächst gilt es, den Sitz der datenschutzrechtlich verantwortlichen Stelle zu prüfen, da sich hiernach die örtlich zuständige Aufsichtsbehörde richtet.

WB: Was würden Sie Eltern raten, die sich unsicher sind, wie sie sich in Fragen biometrischer Daten ihres Nachwuchses entscheiden sollen?
Prof. Caspar: Sicherlich ist es eine praktische Erleichterung, mit einem biometrischen Merkmal zu bezahlen und es ist auch bei Einhaltung der rechtlichen Erfordernisse nicht grundsätzlich unzulässig. Dennoch sollte gerade bei Schülerinnen und Schülern bei der Entscheidung über die Erteilung der Einwilligung auch an die Erlernung der individuellen Datenschutzkompetenz der betroffenen Kinder gedacht werden. Durch die Quittierung des Mittagessens durch biometrische Daten ist zu befürchten, dass die alltägliche Verwendung der biometrischen Daten ein Gewöhnungseffekt und ein Gefühl der Normalität bei den Kindern entstehen lässt. Das könnte dazu führen, dass Kinder und Jugendliche ihre unveränderlichen, biometrischen Daten und damit einen Teil ihrer Identität unkritisch immer dann preisgeben, wenn es gefordert wird.
Interview: ba
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1 Kommentar
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Fran Kee 【Ƿ】 aus Barmbek | 15.08.2013 | 17:44  
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