Opfer zum Wohle der Kunst

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Ivo Constantin in seinem Atelier. Möglicherweise sind schon bald alle Gemälde Schutt und Asche
 
Ivo Constantin malt ein Portrait als Geschenk für Biker-Promi Paul Teutol Sr.

Der Barmbeker Künstler Ivo Constantin will aus Protest seine Werke öffentlich verbrennen

Von Ulrich Thiele
Barmbek Es ist eine drastische Maßnahme: Der Barmbeker Künstler Ivo Constantin will all seine Werke öffentlich verbrennen und seiner großen Leidenschaft, der Kunst, für immer den Rücken zukehren. Warum? „Aus Protest gegen die zeitgenössische Kunstwelt“, sagt er.

„Was heutzutage als Kunst dargeboten wird ist eine endlose Frechheit und eine Unverschämtheit gegenüber den alten Meistern der Kunst“, findet der 56-Jährige. „Michelangelo hat jahrelang unter Kerzenlicht die Decke der Sixtinischen Kapelle bemalt und sogar auf dem Gerüst geschlafen. Dieser Aufwand und die komplizierte detailverliebte Technik, die auch bei Van Gogh zu sehen ist – das sind für mich Künstler! Und die konnten kaum davon leben. Heute werden Bilder, die innerhalb von zehn Minuten fertig sind für Millionen verkauft. Sie müssen einfach nur groß und bunt sein und keiner darf sie verstehen, dann gelten sie als Kunst“, so der Künstler, der seit 36 Jahren in Hamburg lebt. „Es geht nicht darum, die abstrakte Kunst von heute generell schlecht zu machen. Abstraktion als Leitlinie hat durchaus einen Sinn, aber es gibt eben Regeln“, findet auch seine Frau Corina, eine studierte Künstlerin.
Wohnung als Atelier
Wie radikal Constantins Schritt tatsächlich ist, wird deutlich, wenn man sich den Stellenwert vor Augen führt, den die Malerei in seinem Leben einnimmt. Schließlich lebt der Künstler sogar mit seinen Bildern zusammen, denn seine Wohnung in Barmbek ist zugleich sein Atelier und Museum. Und wer die Räume des gebürtigen Kroaten betritt, merkt sogleich, dass hier Schaffenskraft in äußerst vielfacher Form regiert. Im Flur hängen Gemälde von Kindheitserinnerungen an sein 1200-Einwohner-Dorf im vorindustriell anmutenden Kroatien der 1960er-Jahre, die Decke der Küche ziert eine eigene Version der Malereien Michelangelos aus der Sixtinischen Kapelle und in seinem Atelier stehen Werke mit Motiven seines Hauptthemas, dem Naturschutz, an die Wand gelehnt. An der hängen diverse Portraits von Elvis Presley, Marilyn Monroe, Jimi Hendrix und anderen berühmten Persönlichkeiten. „Hier verbringe ich mehrere Stunden am Tag nur mit malen und vergesse die Zeit“, schwärmt der passionierte Maler.
Der Gedanke, seine Bilder aus Protest öffentlich zu verbrennen, habe sich bei ihm über einen längeren Zeitraum entwickelt, erklärt Constantin. Im Januar dieses Jahres sendete er schließlich an das Bezirksamt Hamburg-Nord einen Antrag auf Genehmigung zur öffentlichen Verbrennung seiner Werke am 21. Juni auf dem Bert-Kaempfert-Platz. Doch exakt drei Monate später erreichte ihn die Ablehnung, da der Antrag öffentlich-rechtlichen Vorschriften widerspreche.
Nun sucht der Künstler nach einer anderen Fläche, auf der er seine Protestaktion öffentlich durchführen kann.
Dass Ivo Constantin tatsächlich nie mehr malen wird, ist für seine Frau noch unvorstellbar. „Ich weiß gar nicht, wie er das machen will. Die Malerei ist ein Teil von ihm“, sagt sie. Das künstlerische Geschick habe er von seinem Vater, der einmal sogar ein komplettes Schachfeld samt Figuren schnitzte – und das obwohl er nur eine Hand hatte.
Schon als Kind war der junge Ivo stets mit einem Bleistift in der Hand anzutreffen. „Ich habe alles in meiner Umgebung gemalt: Menschen, Bäume, Häuser. Ich konnte meine Hand nicht ruhig halten und musste ständig kritzeln“, erinnert sich der Maler, dessen Werke im Literaturhaus, im Bürgerhaus Barmbek und im Bellevue-Hotel ausgestellt wurden. „Die Malerei befriedigt mich und gibt mir Ruhe. Sie ist meine Therapie, wie bei Francisco de Goya“, erklärt er seine Leidenschaft. Seine heftige Reaktion liege aber nicht darin begründet, dass er mehr Geld verdienen will, betont er. „Es gibt so viele große Künstler, die keine Anerkennung bekommen. Ich finde einfach, dass gute Kunst Anerkennung verdient“, so Constantin, der viele seiner Bilder verschenkt oder stets darauf Wert legt, sie zu einem bezahlbaren Preis zu verkaufen.
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