Schöner wohnen – in autofreien Zonen

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Treffpunkt Bootsanleger: (v. l.) Rainer Licht, Jörg-Michael Sohn, Ruth Moritz, Jochen SchmidtFotos: Barth/wb
 

Im neuen Pergolenviertel soll auch auf Mobilität ohne Pkw gesetzt werden. In der Saarlandstraße hat man schon Erfahrung damit

Von Daniela Barth
Hamburg-Nord. Bei der Planung für das Neubaugebiet Pergolenviertel in Winterhude, Grenze Barmbek ist zum Teil autoarmes Wohnen vorgesehen. Inwieweit diese Überlegungen in konkrete Vorgaben bezüglich der Schaffung einer bestimmten Anzahl Kfz-Stellplätze münden werden, ist noch nicht abzusehen, sagt Bezirksamtsleiter Harald Rösler zum derzeitigen Planungsstand. „Autoarmes Wohnen ist als Konzept nach wie vor aktuell, aber standortbezogen zu sehen. An der Saarlandstraße hat sich dieses Modell bewährt. Zur Frage der Behandlung von Stellplatzschlüsseln im zukünftigen Pergolenviertel laufen zurzeit Gespräche zwischen der Stadt Hamburg und der Wohnungswirtschaft“, sagt Rösler.

Vor 13 Jahren startete das Projekt Saarlandstraße

Ist autofreies Wohnen tatsächlich so erstrebenswert? Ist ein Alltag ohne Auto überhaupt machbar? An der Saalandstraße gibt es seit 13 Jahren ein autofreies Wohnprojekt.
Krasser kann der Gegensatz kaum sein: Nur ein paar Meter von der Lärm umtosten vierspurigen Saarlandstraße entfernt existiert – direkt am Osterbekkanal - eine stille Idylle. Eine autofreie Idylle. Da, wo sonst Autos parken würden, blüht und grünt es üppig – die Bewohner haben auf ihrem „Grabeland“ kleine Gärten angelegt, die großzügigen Innenhöfe sind terrassenförmig bepflanzt, es gibt einladende Sitzecken, große Sandkisten und Spielgelegenheiten und auf dem knapp drei Meter breitem Fußgängerboulevard tummeln sich Wakeboard oder Bobbycar fahrende Kinder, hier treffen sich auch die Nachbarn auf ein kurzes Schwätzchen. „Ich finde es richtig schön hier“, schwärmt Paketzusteller Christopher Senz (24), der seit zwei Jahren das autofreie Viertel anfährt. Regelmäßig, wie er sagt, denn die Bewohner bestellten recht viele – auch mal sperrige – Dinge. „Logisch, die haben ja kein eigenes Auto“, grinst Senz und ergänzt: „Hier stehe ich mit dem Transporter niemandem im Weg, kein Kind springt hier plötzlich zwischen einem Auto hervor. Es gibt einen ausgewiesen Parkplatz für Anlieferer.“
Die Wohnwarft - eine kleine selbstverwaltete Genossenschaft - hat im Jahr 2000 zusammen mit der Eigentümergruppe Barmbeker Stich und Leben mit Behinderungen (Betreutes Wohnen) die ersten 63 Wohnungen auf dem Gelände am Osterbekkanal gebaut – mit nur acht Auto- Stellplätzen für Anlieferer und Besucher der Siedlung. In den folgenden Jahren sind weitere autofreie Wohnungen auf dem Gelände von der GWG Gesellschaft für Wohnen und Bauen mbH, der Baugenossenschaft FLUWOG-NORDMARK eG und vom Verein Leben mit Behinderungen Hamburg gebaut worden; insgesamt sind es jetzt 160 Wohnungen. Hier leben fast 400 Menschen im Alter von 0 bis 84 Jahren.

Platz und Geld gespart

„Als wir vor gut 13 Jahren das erste autofreie Wohnprojekt in Hamburg in Barmbek-Nord an der Saarlandstraße bezogen, waren die Erwartungen hoch: unsere eigenen genauso wie die der Skeptiker", erinnert sich Rainer Licht (54), der zur Wohnwarft eG gehört. Inzwischen könne der Vater zweier Söhne ohne Einschränkung sagen: „Wir kastaien uns nicht! Der Verzicht auf ein eigenes Auto ist für uns kein Verlust, sondern ein Gewinn! Unsere Lebensqualität hat sich gesteigert. " Denn der damit einhergehende Verzicht auf Stellplätze und eine Tiefgarage bedeute: „Wir konnten sehr viel an Geld und an Freiflächen einsparen. Diese Ressourcen haben wir dann anders eingesetzt: Rampen führen in den Keller mit geräumigen Fahrradräumen und Werkstätten; zusätzlich gibt es Fahrradhäuschen direkt vor dem Haus. Großzügige Spielflächen, ein Volley- und Basketballfeld, Mietergärten, Grünflächen und Sitzgruppen im Freien. Es gibt eine Regenwasseraufbereitunganlage für die Waschmaschinen, ein Blockheizkraftwerk und Solaranlagen. Alles wird in Eigenarbeit gepflegt.“ Es gibt Gemeinschaftsräume, einen eigenen Bootssteg und einen Bootskeller.

Radanhänger ist wichtig

Die Leute seien hier eben anders mobil, erklärt Jörg-Michael Sohn, einer der Gründerväter des Wohnprojekts. Der 60-jährige Verkehrspsychologe gehört zum Vorstand des Vereins „Autofreies Wohnen“ wie auch zum Verwaltungsrat der Eigentümergruppe Barmbeker Stich. „Wir bewegen uns zu Fuß, mit dem Fahrrad, Bus oder Bahn.“ Die Anbindung an den ÖPNV sei nachgerade ideal. „Ein Fahrradanhänger ist total wichtig“, sagt Jochen Schmidt (53), der seit 2009 als autofreier Mieter Am Eisenwerk lebt. „Ich habe mich mit einigen Nachbarn zusammen getan und einen richtig stabilen angeschafft, den wir dann je nach Bedarf benutzen.“ Sei es für größere Einkäufe oder auch um Sondermüll wegzubringen. Viele Bewohner lassen sich regelmäßig beliefern: Von der Bio- bis zur Getränkekiste. Wie Ruth Moritz (41), die in zwei Wochen ihr fünftes Kind erwartet. „Überhaupt kein Problem“, antwortet die Verwaltungsangestellte gelassen auf die Frage, wie sie das denn mit so vielen Kindern geregelt kriege. Das sei alles eine Frage der guten Organisation, ihre Kinder habe sie schon frühzeitig an den öffentlichen Nahverkehr herangeführt: „Die kennen das nicht anders.“ Sie weiß vor allem die Möglichkeit zu schätzen, dass sie ihren Nachwuchs schon im Vorschulalter alleine raus zum Spielen schicken kann. „Wir sind hier einen Gemeinschaft, leben gemeinsam die Idee ‚Autofrei’ und unterstützen uns gegenseitig.“
Ist es eine verschworene Gemeinschaft von Autohassern? Rainer Licht protestiert: Mitnichten sei das so! Klar, man habe klare Regeln was den Besitz eines Autos betrifft – und Mogeln gilt nicht. „Das funktioniert wirklich“, beteuert auch Jörg-Michael Sohn, der davon überzeugt ist, dass das hier gelebte Prinzip der Selbstorganisation und Beteiligungskultur dazu führe, dass die Identifikation mit der Genossenschaft insgesamt hoch und die Fluktuation sehr gering ist. „Wir hatten in den 13 Jahren einmal den Fall, dass sich eine Bewohnerin gegen uns und für den Freund mit Auto entschieden hat“, erinnert sich Sohn.
„Nee, wir haben nix gegen Autos“, sagt auch Jochen Schmidt. „Wir wollen nur kein eigenes.“ Dafür würden jetzt aber in den nächsten Wochen Am Eisenwerk zwei Carsharing-Plätze eingerichtet. „Die Mehrheit von uns wollte das so. Damit man sich bei Bedarf dann doch mal eins leihen kann.“

Info

Möglich wurde die Umsetzung des autofreien Wohnprojekts durch die Hamburger Stellplatzverordnung: Wenn durch eine Verpflichtungserklärung der Verzicht auf private PKWs nachgewiesen wird, kann die Zahl der vorgeschriebenen Stellplätze deutlich reduziert werden. Neben der Saarlandstraße gibt es noch ein weiteres realisiertes Projekt in Hamburg-Nord: Die Initiative Kornweg in Klein Borstel:
http://www.autofreieswohnen.de
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