„Sein Vermächtnis wachhalten“

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Ralph Giordano im Gespräch mit einem Schüler der Gelehrtenschule des JohanneumsFoto: Geschichts- werkstatt Barmbek

Ein Gastbeitrag der Geschichtswerkstatt Barmbek zum Tode von Ralph Giordano (1923 – 2014)

Hamburg-Barmbek. Am 10. Dezember 2014 ist der 1923 in Hamburg-Barmbek geborene und aufgewachsene Schriftsteller, Journalist und Filmautor Ralph Giordano im Alter von 91 Jahren gestorben. Jürgen Kinter von der Geschichtswerkstatt Barmbek erinnert an einen ganz außergewöhnlichen „Barmbeker Jung“, einen politischen Streiter:

Unermüdlich hat er gegen Ungerechtigkeit, Unmenschlichkeit und gegen das Vergessen angeschrieben, in zahllosen Büchern, Filmen, Artikeln und Interviews. Schreiben und Erinnern, das war für ihn, wie es einmal der Schriftsteller Erich Fried in einem Gedicht ausgedrückt hat, vielleicht die qualvollste Art des Vergessens und zugleich vielleicht die freundlichste Art der Linderung dieser Qual.
Seine Kindheit und Jugend verbrachte Ralph Giordano in Hamburg-Barmbek, in der Hufnerstraße 113, wo er mit den Eltern und seinen beiden Brüdern, Egon und Rocco, in bescheidenen Verhältnissen bis zur Ausbombung 1943 lebte. Die Eltern hatten zuvor in Barmbek-Süd, in der Heitmannstraße gewohnt.
Der Vater, Alfons Giordano (1896-1972) war Pianist, Akkordeonist, Kapellenmeister. Als „Mann am Klavier“, als Bar- und Kinopianist versuchte er durchs Leben zu kommen. Ralph Giordanos Mutter, Lilly Giordano (1897-1980), geborene Seligmann-Lehmkuhl, war Klavierlehrerin. Dass die Mutter jüdischer Herkunft war, blieb lange Zeit ohne größere Bedeutung. 1935 wurde Lilly Giordano aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen und durfte nicht mehr Musik unterrichten, weil sie Jüdin war. 1943 wurde auch Ralph Giordanos Vater, „Nichtjude“, aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen.
Ralph Giordano besuchte zunächst die Volksschule am Zoll, nördlich der Bramfelder Brücke gelegen, vor der Gabelung der Fuhlsbüttler-, Steilshooper- und Bramfelder Straße. Im März 1933 gelang es den Eltern, ihre Söhne Egon und Ralph in der Hamburger Gelehrtenschule des Johanneums in Winterhude unterzubringen und von der Zahlung des Schulgeldes befreien zu lassen, obgleich sie als „Halbjuden“ eingestuft wurden. Hier erlebte Ralph Giordano die ersten Schikanen und Demütigungen durch Nazi-Lehrer, begleitet von Ausgrenzungen auf der Straße und den Spielplätzen.

Widerspruch


1940 musste Ralph Giordano mit 16 Jahren die Schule verlassen, ebenso sein Bruder. Es folgte eine Zeit, die von Hunger, Flucht, Furcht und Selbstmordabsichten geprägt war. Zweimal wurde Ralph Giordano im Stadthaus von der Geheimen Staatspolizei verhört, gedemütigt und gefoltert. Die Angst vor dem jederzeit möglichen Tod wurde für ihn zu einem Schlüsselerlebnis seines Lebens.
Nach der Befreiung durch die Engländer wurde Ralph Giordano journalistisch tätig, engagierte sich für die Kommunistische Partei, in der Annahme, dass die Feinde seiner Feinde auch seine Freunde sein müssten. Sein journalistisches Handwerk erlernte er am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sein erstes Buch „Westdeutsches Tagebuch“ erschien 1953 in Ostberlin. Zwei Jahre später übersiedelte er in die DDR, wo es ihn jedoch nur neun Monate lang hielt. Seine damaligen Erfahrungen mit der DDR widersprachen seinem Verständnis von Wahrheit, Aufrichtigkeit und Menschlichkeit.
Der erfahrene Widerspruch zwischen Ideologie und Wirklichkeit führten zum Bruch mit dem DDR-Regime, den er in seinem Buch „Die Partei hat immer recht“ (1961) verarbeitete.Zurück in Hamburg schrieb er für die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung. Ab 1961 arbeitete er für das Fernsehen, für den NDR und den WDR. Mehr als 100 Fernsehdokumentationen entstanden, in denen sich Ralph Giordano immer wieder mit dem Umgang mit Minderheiten, Unrecht und Bedrohung der Menschenrechte beschäftigte. Einem größeren Publikum wurde er bekannt durch seinen Roman „Die Bertinis“, der 1982 erschien und 1988 auch verfilmt wurde. In dem Roman verarbeitet Giordano das Schicksal seiner Familie, seine Kindheit und Jugend in Hamburg-Barmbek, wie auch in seiner späteren Biographie „Erinnerungen eines Davongekommenen“ (2007).
Unvergessen bleiben seine zahlreichen Besuche und Lesungen in Barmbek, insbesondere auch sein Besuch mit dem ebenfalls aus Barmbek stammenden Jugendfreund Hans-Jürgen Massaquoi, Autor des Buches „Neger, Neger, Schornsteinfegers“, in der Geschichtswerkstatt Barmbek, bei der Ralph Giordano seit 1986 Mitglied war.

Seine Mahnungen


Ralph Giordano ist tot. Seine Erinnerungen und Mahnungen, aber auch sein kämpferisches Eintreten für Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Menschenrechte werden weiterleben. Mit ihren Stadtteilrundgängen (Auf den Spuren der Bertinis), Lesungen, Veröffentlichungen, Ausstellungen und Geschichtstafeln versucht die Geschichtswerkstatt Barmbek Giordanos Vermächtnis im Stadtteil Barmbek wachzuhalten: Erinnern, wenn andere vergessen.
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