Studenten helfen minderjährigen Flüchtlingen

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Nele Dallmann, Bassam und einer seiner Freunde aus der Unterkunft (vordere Reihe, v.l.), die Ehrenamtlichen Johanna Bortz, Anne Botschenkow, Teresa Formica, Luca Borowski, Ann-Kathrin Cybulla, Carsten Winkler (hintere Reihe, v.l.) im Stadtparksee Foto: Thiele
 
Die Ehrenamtliche Johanan Bortz hilft Wissam bei den Hausaufgaben Foto: Thiele

Ehrenamtliche geben Halt und begleiten Jugendliche bei Behördengängen

Von Ulrich Thiele
Barmbek/Dulsberg
Es ist warm an diesem Sonnabendnachmittag, der Himmel ist wolkenfrei und auf der großen Wiese im Stadtpark sitzen Grüppchen von meist jungen Leuten dicht an dicht gedrängt. Nele Dallmann steht am Grill, sie wendet die braungebrannten Steaks und verteilt die ersten Bratwürste. Die 23-Jährige ist eine von knapp 20 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, die seit Oktober vergangenen Jahres die minderjährigen Flüchtlinge der Unterkunft Dehnhaide/Krausestraße unterstützen. Heute verbringen Ehrenamtliche und Jugendliche gemeinsam einen entspannten Tag in Hamburgs Grünoase. „Ich wollte selbst einen Eindruck von dem bekommen, was ich nur aus den Medien kenne. Und als Studentin kann ich zwar nicht mit Geld, aber mit meinen Händen helfen“, erklärt die Studentin der Sonderschulpädagogik ihr Engagement. Ihre Schulfreundinnen Teresa Formica und Johanna Bortz studieren auch für das Lehramt und engagieren sich gemeinsam mit Nele. Den Studienfächern entsprechend bestehen ihre Hauptaufgaben aus Deutsch-Unterricht und Hausaufgabenhilfe, aber auch aus Ausflügen zum Hamburger Hafen, oder wie heute, in den Stadtpark. „Am Anfang waren die Deutschkurse schwierig, weil wir keinen Dolmetscher hatten. Da haben wir mit Händen und Füßen kommuniziert und auch mal alle gemeinsam einfach gelacht, wenn wir nicht weiter wussten“, erinnert sich Nele an die Anfangszeit im vergangenen Herbst. Berührungsängste oder kulturbedingte Probleme habe es hingegen erstaunlich wenig gegeben, sagt Teresa. „Die Jungs wissen, dass wir kein Geld für unsere Arbeit kriegen, deswegen haben sie uns schnell angenommen. Und man akzeptiert sich ja auch gegenseitig: Wir zeigen Interesse an ihrer Kultur, und sie an unserer“, so die Studentin.

Privatkontakt verboten


Sobald die Jugendlichen volljährig sind, müssen sie die Unterkunft wechseln. Anfangs begleiten die Ehrenamtlichen sie noch bei den Behördenbesuchen und unterstützen sie bei den bürokratischen Aufgaben, dann müssen sie aber auf eigenen Beinen stehen. Private Wiedersehen gibt es danach nicht, die Beziehung zwischen Helfern und Jugendlichen spielt sich nur im Rahmen des Arbeitsverhältnisses ab. Das ist für beide Seiten nicht immer leicht. „Natürlich ist das manchmal hart, man hat ja eine Beziehung zueinander aufgebaut und vermisst sich. Aber zu offiziellen Ausflügen wie heute kommen oft auch Ehemalige und man sieht sich wieder“, erklärt Johanna. Bassam hat noch etwas Zeit, bis er die Unterkunft verlassen muss. Der 16-jährige Syrer kam vor knapp neun Monaten nach einer einmonatigen Odyssee ohne seine Familie nach Hamburg und landete direkt in Dulsberg. In seinem Heimatdorf 80 Kilometer südlich von Damaskus entfernt fand der Schulunterricht nur einmal pro Woche statt. Oft aus Sicherheitsgründen wegen der Terrorgefahr, oft aber auch wegen des akuten Lehrermangels. Bassam sah keine Perspektiven mehr für sich in der Heimat. „Ich habe zu meinem Vater gesagt: Baba, ich habe keine Zukunft hier. Nur wenn ich studieren kann, kann ich arbeiten und genug Geld für mich verdienen“, erzählt er in flüssigem Deutsch. Nach langem Zögern verkaufte der ehemalige Soldat ein Stück Land, um Bassam die Reise finanzieren zu können. Gemeinsam mit Bekannten der Familie nahm er den gefährlichen Weg durch Syrien und die Türkei über das Mittelmeer nach Lesbos und schließlich auf der Balkanroute nach Deutschland auf sich. „Das war hart und die Überfahrt war gefährlich, es gab hohe Wellen. Aber jetzt bin ich glücklich, dass ich hier bin“, sagt er erleichtert. In Deutschland will er sein Abitur machen und anschließend wie einer seiner sechs Brüder Bauingenieurwesen studieren. „Ich weiß, dass das schwer wird. Wenn das nicht klappt, will ich erst einmal eine Ausbildung machen und dann das Abitur nachholen“, erklärt der wissbegierige Schüler, der Deutsch und Englisch zu seinen Lieblingsfächern und die Schule zu seinen Lieblingsorten zählt. Nele und ihre Leute sind ihm auf dem Weg dorthin eine große Hilfe, betont Bassam. „Nur durch sie konnte ich schnell Deutsch lernen und kenne mich jetzt auch in der Gegend gut aus“, so der 16-Jährige. „Jungs wie Bassam brauchen noch viel Halt. Wir sind froh, wenn wir sie bei ihren neuen Herausforderungen unterstützen können“, erklärt Nele Dallmann.
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