Von Trost und Todesangst

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Zwangsarbeiterinnen aus Osteuropa auf dem Gelände des Arbeiterlagers von „Heidenreich & Harbeck“ an der Burmesterstraße. Das Foto wurde 1943 aufgenommen Foto: Privat, Freundeskreis KZ-Gedenkstätte Neuengamme

Zwangsarbeit in Barmbek: Geschichtswerkstatt präsentiert Zeitzeugenberichte

Barmbek Verschleppte Kinder, getrennte Familien, Hunger, Einsamkeit und Heimweh, Angst vor der Gewalt der Aufseher und ermüdende Arbeit bis zum Umfallen. Dazu eine teilweise katastrophale Unterbringung, eingepfercht in Baracken. Zwangsarbeiter in Deutschland – ein trauriges Kapitel der deutschen Geschichte. Umso wichtiger ist es, genau hinzuschauen. Die Geschichtswerkstatt Barmbek hat das getan und anlässlich der Ausstellung „Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg“ im Museum der Arbeit einen Vortrag zusammengestellt, der anhand von Erinnerungsberichten und Filmausschnitten die Arbeits- und Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter in Barmbek schildert. Jürgen Kinter, Michael Grill und Karin Heddinga geben am Montag, 1. Februar, um 19 Uhr im Museum der Arbeit einen Überblick über die Standorte der Zwangsarbeit in Barmbek und machen damit auf ein vergessenes und verdrängtes Kapitel der Stadtteilgeschichte aufmerksam.
Vielen Anwohnern ist nicht bekannt, dass in zahlreichen kleinen und großen Betrieben in der Nachbarschaft Kriegsgefangene aus ganz Europa zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden. Sie arbeiteten nach der Verschleppung aus ihren Heimatländern in Gummi- und Maschinenbaufabriken wie beispielsweise Tretorn oder Heidenreich & Harbeck, in der Fisch- und Lebensmittelindustrie, zum Beispiel bei Margarine Voss und in Wäschereien. Sie bauten zerstörte Fabriken und Häuser wieder auf und wurden auch in staatlichen und städtischen Unternehmen wie der Reichsbahn und dem Gaswerk eingesetzt.
Die Erfahrungsberichte, die während des Vortrags verlesen werden, berichten von Schicksalen wie dem von dem polnischen Zwangsarbeiter Grigorij Genaga. Er war 13 Jahre alt, als er 1942 nach Deutschland verschleppt wurde und in Todesangst lebte. Bis Kriegsende wurde der Junge in Hamburg festgehalten, arbeitete in mehreren Betrieben, an der Fräsmaschine bei „Heidenreich & Harbeck“ stellte er Waffenteile her. „Einmal machte ich aus Versehen ein Teil kaputt“, heißt es in dem Erfahrungsbericht von Grigorij, „Sofort kam der Meister zu mir und sagte: wenn du das noch einmal machst, bist du erledigt.“ Aber auch über „gute“ Deutsche berichtet der Zeitzeuge, die ihm Trost boten. Ein Arbeiter habe ihm Brot gegeben und dafür selbst Bestrafung riskiert. Wer sich für das Schicksal der vielen Menschen interessiert, die während des Zweiten Weltkriegs in Barmbek unter schlimmsten Bedingungen arbeiten mussten, sollte den Vortrag der Geschichtswerkstatt im Museum der Arbeit nicht verpassen. (sh)

Montag, 1. Februar, 19 Uhr, Museum der Arbeit, Wiesendamm 3, Eintritt frei
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