Wenn die Postfrau gar nicht klingelt

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Hätte Michaela Koch alle Akten, in die sie die 320 viel zu spät zugestellten Briefe einsortieren muss, übereinander gestapelt, dann stünde in der Kanzlei am Barmbeker Markt ein 4,50 Meter hoher Turm.Foto: Barth/hfr

Am Barmbeker Markt wurden tagelang keine Briefe zugestellt

Barmbek. Michaela Koch versinkt quasi noch immer in Aktenbergen – und Schuld daran ist die Deutsche Post AG. Denn die Rechtsanwältin hatte Mitte Oktober anderthalb Wochen keine Post zugestellt bekommen – weil die Briefzustellerin erkrankt war.
Dabei erwartet die 41-Jährige täglich mehrere Sendungen zu laufenden Verfahren von Gerichten, die an Fristen gebunden sind. Auch Mandanten schicken häufig wichtige Unterlagen. „Ich bin schon nach zwei Tagen ausbleibender Post unruhig geworden und habe dann fast täglich bei der Servicehotline der Deutschen Post AG angerufen.“ Was allerdings nichts nützte, sie wurde nur vertröstet und erhielt keinerlei präzise Auskunft vom Callcenter. „Ich hatte regelrechte Horrorvorstellungen: Wenn nun ein frustrierter Postbote die Briefe in die Osterbek geworfen hat? Eine schreckliche Vorstellung.“ Daher sei sie schließlich zur Polizei gegangen und habe Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Mittlerweile ist diese obsolet, denn nach elf Tagen wurden die Briefe – 320 an der Zahl – an zwei Tagen nachgeliefert: von der nunmehr gesunden Stamm-Zustellerin. Richtig froh macht das die Barmbeker Rechtsanwältin dennoch nicht, denn trotz abendlichen Überstunden und Wochenendarbeit hängt für sie noch ein „langer Rattenschwanz Arbeit“ dran. Besonders geärgert hat sich Michaela Koch übrigens darüber, dass sich in dem riesigen Postberg auch drei Briefe vom Reklamationsservice der Deutschen Post befanden, in denen „schnellstmögliche Bearbeitung“ versprochen wurde: „Wissen die eigentlich, was sie tun?“

Sparwahn?

Weiß die Post, was sie tut? Sprecher Martin Grundler gibt unumwunden zu, dass im Zustellbezirk Barmbeker Markt Sendungen mehrfach nicht ausgetragen wurden. „Wir hatten im Oktober einen besonders hohen Krankenstand.“ So sei es zu Engpässen gekommen. Was den Fall Koch beträfe, könne die Post AG nur um Entschuldigung bitten, so Grundler zerknirscht. „Da ist wirklich alles schief gelaufen“, gibt er zu. Man habe aber schon reagiert und Neueinstellungen vorgenommen, damit Vetretungen in Zukunft überhaupt zu realisieren sind.
Dass neue Zusteller eingestellt wurden, bestätigt auch Lars-Uwe Rieck von der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. Doch damit sei das „hausgemachte Problem der Post“ noch nicht gelöst, so der Gewerkschaftssekretär weiter. Denn problematisch seien die zum einen auf zwei Jahre befristeten Verträge. „Nach zwei Jahren ist für die meisten Zusteller Schluss, denn sonst müsste das Unternehmen die Mitarbeiter ja fristlos übernehmen.“ Durch diesen „Sparwahn“ käme es zur hohen Personal-Fluktuation. Auch der Motivation seien diese Zustände nicht zuträglich. Mit zwölf Prozent ist der Krankenstand der Post fast viermal so hoch wie im Bundesdurchschnitt. „Zum anderen“, sagt Lars-Uwe Rieck, „sind insgesamt für die kürzlich erst vergrößerten Zustellbezirke trotzdem noch viel zu wenige Zusteller angestellt. Das muss sich dringend ändern.“ (ba/hfr)
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