Ein Erinnerungs-Stück

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Volker Lechtenbrink und Johanna Christine Gehlen Foto: Stefan Malzkorn/wb

Volker Lechtenbrink überzeugt in „Der Vater“ am St. Pauli-Theater

Hamburg 1,5 Millionen Menschen sind nach Angaben der Alzheimer-Gesellschaft von Demenz betroffen, davon ist bei zwei Dritteln Ursache die Alzheimer-Krankheit. In Hamburg haben etwa 26.000 Menschen Alzheimer. Mit höherem Lebensalter steigt das Risiko, zu erkranken. Im St. Pauli-Theater wird diese traurige Entwicklung aktuell im Stück „Der Vater“ mit Volker Lechtenbrink in der Hauptrolle thematisiert. Der 70-Jährige mit der sonoren Stimme verkörpert für seine Fans eine sympathische Zeitlosigkeit, Jungenhaftigkeit. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist es so spannend, ihn in der Rolle des 80-Jährigen zu sehen, der sich in der Welt der Alzheimer-Krankheit verirrt. Bis zum bitteren Ende.

Spiel mit Zeit und Raum


Lechtenbrink ist André, „Der Vater“ in der gleichnamigen tragischen Farce des französischen Erfolgsautors Florian Zeller (36, „Eine Stunde Ruhe“, ebenfalls im St. Pauli-Theater im Programm). André war Ingenieur, eine Autorität, wie seine Tochter Anne (adrett: Johanna Christine Gehlen) noch weiß. Doch nun ist André krank. Er vergisst immer öfter, wo er seine Uhr abgelegt hat. Das Wort „Erinnerungsstück“ bekommt dabei eine tiefere Bedeutung. André verdächtigt die Haushaltshilfe, den Chronometer entwendet zu haben. Schon zu Beginn des 95-Minuten-Stücks (ohne Pause) zeigen sich da erste Aggressivitätsmomente, die sich im Verlauf der aneinandergereihten Szenen immer öfter Bahn brechen.
Aus der Perspektive des Vergessenden blickt der Zuschauer auf Menschen und Dinge, die plötzlich ganz anders sind als sie zu sein scheinen. Wände bewegen sich – Sinnbild für die sich veränderte Wahrnehmung (Bühne: Raimund Bauer). „Ich werde diese Wohnung niemals verlassen“, schwört André. Und ist doch schon im Appartement der Tochter. Auch Anne sieht in einer Szene ganz anders aus (Anne Weber). Die Aufgabe belastet auch ihre Beziehung zu Pierre (Stephan Schad). Aber ist Pierre wirklich noch da oder bereits Vergangenheit? Oder sieht er nicht plötzlich auch anders aus (Patrick Hein). Geschickt spielen Autor und Regisseur mit den Ebenen und hinterlassen bei den Zuschauern ein beklemmendes Gefühl.

Diskussionswürdig


Von Szene zu Szene versinkt André tiefer in seiner Welt. Die typischen Stimmungsschwankungen spielt Lechtenbrink grandios, gibt den schlurfenden Pyjama-Alten und den rauchenden Senior-Bon-Vivant, der zur neuen Pflegerin (Victoria Fleer) plötzlich wieder ganz charmant sein kann – bevor er in die nächste Ablehnungskurve geht. So wirft er Tochter Anne immer wieder vor, sie sei eben nicht Elise, die Tochter, die er viel lieber habe.
Ein happy End kann es hier nicht geben. Doch ein versöhnliches Schlaflied, mit dem sich „Der Vater“ im Pflegeheim von einer Krankenschwester beruhigen lässt. Seine Tochter kommt nur zu gelegentlichen Wochenendbesuchen und lebt ihr eigenes Leben. Die Hilfe durch die Angehörigen ist nicht zu leisten, diese Botschaft darf nach dem Theaterbesuch diskutiert werden.
Jörg Wieking, Geschäftsführer der Hamburger Alzheimer-Gesellschaft (Wandsbeker Allee 68), begrüßt es, „wenn ein immer noch schambesetztes Thema realistisch gezeigt wird.“ Längst gehe es in Filmen und auf der Bühne nicht nur um die Angst der Angehörigen, sondern um die Perspektive der Betroffenen. Und die Lebensqualität, die es auch gebe. (sta)

Bis 25. April, Infos auf www.st-pauli-theater.de
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