Wie kleine Privattheater ums Überleben kämpfen

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Ines Nieri und Tobias Kilian in „1984 – ein Alptraum“. Das Erfolgsstück des „Sprechwerks“ wird im Dezember wieder aufgeführt Foto: Tobias Gloger/wb
 
Konstanze Ullmer vor dem Eingang zur Off-Bühne „Sprechwerk“ Foto: Je

Sprechen übers „Sprechwerk“ und rund 20 weitere engagierte Bühnen

Von Martin Jenssen
Borgfelde Die Off-Bühne „Sprechwerk“ liegt ganz profan in einem Gewerbemischgebiet. Wer das junge experimentierfreudige Theater besuchen will, muss zunächst die Arbeits- und Parkfläche einer Autowerkstatt durchqueren. Um das Theater (150 Sitzplätze) voll zu bekommen, müssen die Intendanten vor allem exzellentes Theater bieten. Man braucht dafür gute Schauspieler. Es geht auch nicht ohne Bühnenarbeiter, die viel Idealismus mitbringen müssen. Um die Zuschauer zu informieren, muss das Theater Programme drucken und die Werbetrommel rühren. All das kostet Geld. Und dann braucht man auch noch Intendanten, die nicht aufgeben. Das geht nur, wenn man „theatersüchtig“ ist. Ein normaler Job ist das nicht.
Den Kampf ums Überleben führt nicht nur das „Sprechwerk“ in Borgfelde, den führen alle rund 20 kleinen Privattheater in Hamburg. Wohl deshalb platzte Sprechwerk-Intendantin Konstanze Ullmer kürzlich der Kragen. Da feierte eine Kulturzeitschrift das Thalia Theater als das erfolgreichste
Theater Deutschlands. Grund: In den letzten beiden Spielzeiten wurde das Thalia Theater von über 300.000 Zuschauern besucht und erzielte damit einen Eigenfinanzierungsanteil von über 30 Prozent.
In einem „Brandbrief“ an das Wochenblatt erklärte Konstanze Ullmer: „Kann sich jemand ungefähr denken welcher Kragenknopf da bei mir geplatzt ist? – Okay, ich gratuliere dem Thalia Theater. – Ich möchte aber auch bemerken, dass es sich hierbei um ein Ranking der Stadt- und Staatstheater handelt. Das Thalia erwirtschaftet 30 Prozent seines Bedarfs selbst - also bitte, da liegt selbst unser kleines Sprechwerk bei knapp dem Doppelten. Ich gebe zu, ein bisschen nagt an mir natürlich der Neid der Besitzlosen; aber um Himmels Willen, wieso sind 30 Prozent beim Thalia ein „Oh“ und „Ah“ wert, bei den armen kleinen Schietern von den freien Theatern ist das Doppelte nur selbstverständlich? Wir sind nicht nur zum Erfolg verdammt, wir sind ganz unsentimental zum Tode verurteilt bei Erfolglosigkeit!“
Sie fügt hinzu: „Und bitte erzähle mir keiner, die freien Theater würden keinen Bildungsauftrag erfüllen, sich nicht um Nachwuchsförderung kümmern und keine neuen Formen der theatralen Kunst fördern, entwickeln und unterstützen.“
Der Kampf ums Überleben geht beim „Sprechwerk“ in jeder Spielzeit erneut los. Die Bühne wird mit 69.000 Euro im Jahr von der Kulturbehörde gefördert. „Es ist toll, dass es die Förderung gibt“, sagt Ullmer. Doch für ein Theater ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Um über die Runden zu kommen, muss das „Sprechwerk“ die Bühne zeitweise an fremde Produzenten vermieten. „Wir müssen vermieten, um unsere Mitarbeiter zu ernähren“, sagt die Intendantin. „Und eigentlich können wir uns selbst nicht leisten!“ Damit meint Konstanze Ullmer sich selbst und ihren Kollegen, Theaterleiter Andreas Lübbers. Beide müssen ihren Lebensunterhalt auch durch Nebenjobs finanzieren.In diesem Jahr feiert das Theater sein zehnjähriges Bestehen. Im September 2004 fand das „Sprechwerk“ in der ehemaligen Speditionshalle in Borgfelde eine feste Spielstätte. Der Förderverein „Hamburger Sprechwerk“ wurde gegründet. Zuvor waren in der Halle Bühnentechniker ausgebildet worden.
Ein Besuch bei „Sprechwerk“ lohnt sich. Bis zum 25. Oktober finden dort Aufführungen des Festivals „Dancekiosk 2014“ statt. Interessante Aufführungen in den kommenden Wochen sind u. a. der Auftritt von Frank Grupe und Andreas Gerhard in „Kurze Interviews mit fiesen Männern“ ( 30. 10. bis 2. 11.) und das Kabarett-Programm mit Hans-Jörg Frey „Bank Banker bankrott“ (7. bis 9. 11.). Am 5. und 6. 12. führt das „Sprechwerk“ wieder sein Erfolgsstück „1984 – ein Alptraum“ auf.
Theater „Sprechwerk“, Klaus-Groth-Straße 23, U- und S-Bahn Berliner Tor. Tickethotline: 0180 – 6050400
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