Als die Copacabana nach Horn kam

Anzeige
Fotomontage mit dem Kinoeingang, so wie er am Tage der Eröffnung vor 60 Jahren war
 
Nichts erinnert mehr an das bunte Flimmern im Rio-Kino. © GW Horn
Hamburg: Kino Horn |

Das RIO-Kino verzauberte sein Publikum auch mit einem brasilianischen Vorhang

Von Volker Reißmann und Gerd von Borstel

In der 26. Folge der Serie – diesmal in Zusammenarbeit mit der Geschichtswerkstatt Horn und dem Film- und Fernsehmuseum Hamburg – springen wir in die späten 1950er-Jahre, als man im Stadtteil noch die Wahl zwischen zwei Kinos hatte. Bereits am 7. Dezember 1951 wurden die Derby-Lichtspiele wiedereröffnet. Wenige Jahre später reiften die Pläne, auf einem bis dahin nur mit Baracken bebautem Grundstück an der Ecke Washingtonallee 90/Vierbergen ein weiteres Kino mit über 680 Plätzen zu errichten. Ein zweiter Plan des Architekturbüros Dr. Sottorf und Richter sah dann vor, dass das Kinogebäude durch einen Laden (Apotheke) mit dem östlich angrenzenden neu errichteten Wohnhaus verbunden wurde und so eine Einheit bildete. Ein weiteres Ladengeschäft für eine Radiohandlung und eine Gaststätte lagen rechts vom Eingang.
Eigentümer des Kinos war das Ehepaar Schack, die sich mit Johannes Betzel einen erfahrenen Kinobetreiber ins Boot holten. Betzel hatte Ende 1951 das Holi-Kino in Eimsbüttel übernommen und u.a. dafür gesorgt, dass der ursprünglich graue Vorhang mit Hamburg-Motiven bemalt wurde. Er existiert heute noch, wurde 1988 grundüberholt und steht unter Denkmalschutz.

Johannes Betzel verdankte das neue Horner Kino vermutlich auch seinen Namen, denn er hatte schon zu Kriegszeiten in Berlin zwei Lichtspielhäuser mit dem Namen „RIO“ geführt. Auch die Idee, hier ebenfalls einen bunten Vorhang wie im HOLI zu installieren, stammte mit Sicherheit von Betzel. Der Hamburger Redakteur Hellmuth Stolp berichtete für das Branchenorgan „Filmwoche“ am 31. August 1957: „… Auf den Namen des Hauses nimmt der Bühnenvorhang mit einem farbigen Fantasie-Panorama von Brasiliens Hauptstadt Rio de Janeiro Bezug.“

Das „Rio“-Filmtheater hatte genau 686 Plätze und eine Bildwand in der Größe von 5 x 12 Meter. Zwei Philips-Projektoren und eine High-Fidelity-Tonanlage sorgten für optimalen Seh- und Hörgenuss. Fast genau vor 60 Jahren, am 2. August 1957, eröffnete das Kino mit der deutschen Komödie „Das Mädchen ohne Pyjama“ von Hans Quest, u.a. mit Oskar Sima, Christiane Maybach, Gunther Philipp und Bum Krüger in den Hauptrollen. In den ersten drei Jahren gab es ein abwechslungsreiches Programm. Aber ab 1960 bekamen die Kinos die Konkurrenz des Fernsehens zu spüren und so wurde das Angebot ab 1961 ausgedünnt. Radikal heruntergefahren wurde das Programm dann im Schließungsjahr 1962: Aufgrund drastisch zurückgegangener Zuschauerzahlen gab es nun nur noch zwei Vorstellungen am Tag - um 18 und 20 Uhr - mit dem Hauptfilm; dieser wurde dann auch am Sonntag noch einmal um 15:30 Uhr für Jugendliche zum ermäßigten Preis wiederholt.
Nach nur fünf Jahren kam am 15. August 1962 schon das Aus für das RIO-Kino. Betzel hatte erkannt, dass nur Kinos mit attraktiven Innenstadtlagen sein geschäftliches Überleben sicherten.

Nach Ausbau der Kinoeinrichtung wurde der schräg abfallende Saalboden mit Beton ausgegossen und Ende 1962 konnte BOLLE hier einen Supermarkt eröffnen. Um die Jahrtausendwende folgte LIDL als Betreiber, bevor dann mit dem FERRO-Markt und zum Schluss GRAND zwei Märkte mit osteuropäischen Lebensmitteln einzogen.
Im Sommer 2011 begann der Abbruch des ehemaligen Kinos und an gleicher Stelle errichtete die Claussen-Simon-Stiftung ein mehrgeschossiges Wohnhaus mit Tiefgarage, welches zum 1.1.2014 bezogen werden konnte.
Wir danken Volker Reißmann vom Film- und Fernsehmuseum Hamburg, dass wir aus der Zeitschrift „Hamburger Flimmern, Nr. 18“ zitieren durften, die sich ausführlich mit dem RIO-Kino befasste. Interessierte können ein Exemplar unter info@filmmuseum-hamburg.de anfordern. Die Geschichtswerkstatt Horn freut sich, wenn Horner in ihren Privatalben vielleicht noch ein Foto vom Kino finden und es dem Stadtteilarchiv für eine Kopie zur Verfügung stellen.
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige