Ausgeschmökert

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Bis 31. Oktober noch geöffnet, die „Wichern Buchhandlung“ an der Horner Landstraße. Danach wird das Geschäft wohl zu einer Wohnung umgebautFotos: Jenssen

Horns einzige Buchhandlung an der Landstraße schließt

Von Martin Jenssen
Horn Der Laden liegt ein wenig einsam an der Horner Landstraße 203, nahe der Abzweigung zur Pagenfelder Straße. In den Regalen stehen edle Ausgaben von Goethes „Faust“, von Schillers Werken und von Karl May. Stöbern konnten die Besucher dort auch über 60 Jahre lang in unzähligen Büchern weiterer bedeutender Schriftsteller. Doch Goethe, Schiller und Co. sind nun in Horn nicht mehr gefragt. Die Dichter kehren deshalb dem Stadtteil den Rücken zu. Die „Wichern Buchhandlung“, die einzige Buchhandlung des großen Hamburger Stadtteils mit 37.600 Einwohnern, muss wegen Kundenmangels schließen.

1953 eröffnet

Der Verkauf von Büchern war schon immer ein schwieriges Geschäft. Als Malte Wilkening die Buchhandlung 1953 eröffnete, war der Lebensunterhalt nur zusammen mit dem Verkauf von Zeitschriften zu verdienen. Sein Sohn Joachim Wilkening übernahm den Laden 1980. Damals liefen die Geschäfte zunächst relativ gut. Die Horner Landstraße war eine blühende Geschäftsstraße.
„Die Menschen fanden hier fast alles, was sie zum Leben brauchten“, sagt Joachim Wilkening (65). „Es gab einen Schlachter, einen Gemüseladen, gemütliche Gaststätten, mehrere Banken, ein Blumengeschäft, einen Spielzeugladen und ein Elektrogeschäft. Viele Kunden kamen ins Horner Einkaufsviertel. Da konnte sich auch eine Buchhandlung halten.“

Sein Dank gilt den treuen Kunden

Doch in den vergangenen 15 Jahren haben immer mehr wichtige Geschäfte dicht gemacht. Die Banken sind ganz verschwunden.
Immer weniger Menschen kamen zur Horner Landstraße, um einzukaufen. Und somit besuchten auch immer weniger Kunden den Buchladen. Die Einnahmen langten nur noch knapp für Miete und Lebensunterhalt. Der Buchhändler: „Dennoch haben mir einige Kunden über 30 Jahre die Treue gehalten. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Am 31. Oktober ist Schluss

Im Internet haben sich Horner Bücherfreunde für den Buchhändler stark gemacht. Unter anderem heißt es dort: „Ein sehr netter Inhaber, sieht ein wenig alternativ aus. Der Laden ist klein, urig und gemütlich. Statt bei Amazon bestelle ich lieber hier und unterstütze einen realen Laden vor Ort, so wie diesen hier.“
Eine andere Botschaft lautet: „In der Wichern Buchhandlung kann man stundenlang abtauchen und schmökern oder auf einen Plausch hineinschauen oder Fotokopien erstellen oder einfach Bücher kaufen.“ Mit dem Abtauchen und dem Schmökern an der Horner Landstraße ist es leider vorbei.
Am 31. Oktober wird das letzte Buch in der Wichern Buchhandlung verkauft. Dann ist der Stadtteil wieder um ein wichtiges Geschäft ärmer.
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