Bau von Wohnraum startet

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Die Aula des Kurt-Körber-Gymnasiums war gut gefüllt Foto: fbt
 
Bezirksamtsleiter Andy Grote (r.) und Fachamtsleiter Michael Mathe Foto: fbt

Bürger bleiben skeptisch – Bezirk kommt mit Security zum Gespräch

Von Frank Berno Timm
Billstedt
Der Startschuss des Werkstattverfahrens für die beiden neuen Wohngebiete Östlich Haferblöcken und Haßloredder ist jetzt im Kurt-Körber-Gymnasium gefallen. An den Haferblöcken soll noch dieses Jahr gebaut werden. Der Bezirk Mitte muss, einem Beschluss des Senats folgend, auf seinem Gebiet für 800 Flüchtlinge eine neue Wohnperspektive schaffen. Es existiert die Absicht, auf einem Gebiet östlich der Straße Haferblöcken und am so genannten Haßlo-
redder, also westlich und östlich des Öjendorfer Sees, neue Wohngebiete zu entwickeln. Dagegen gibt es Widerstand aus der Nachbarschaft (das Hamburger Wochenblatt berichtete). Der Bezirk Mitte seinerseits hat ein so genanntes
Werkstattverfahren begonnen, um die Vorstellungen zu konkretisieren.
Auftakt dafür war nun in der Aula des Kurt-Körber-Gymnasiums, der Saal war voll. Dass das Thema heikel ist, war nicht nur an manchen heftigen Wortmeldungen aus dem Publikum zu spüren, sondern auch an der Tatsache ablesbar, dass die Veranstalter einen Sicherheitsdienst zur Begleitung engagiert hatten – das ist bei einem kommunalen Thema zumindest ungewöhnlich.

Beirat angestrebt


Der Bezirk Mitte will an den Haferblöcken zunächst nur zwei der vier Baufelder bebauen. Dies soll mit dem neuen „Flüchtlingsbaurecht“ nach Paragraph 246 Baugesetz geschehen und noch in diesem Jahr beginnen. Für das gesamte Gebiet Haferblöcken soll außerdem ordentliches Baurecht angestrebt werden.
Nicht nur das: In beiden Gebieten, so betonten es Bezirksamtsleiter Andy Grothe und seine Mitarbeiter immer wieder, werden Flüchtlinge und Wohnungssuchende in etwa paritätisch eine neue Bleibe finden. Neu ist auch, dass die Saga, die Hansa-Baugenossenschaft und die Genossenschaft Freier Gewerkschafter als Bauträger an den Haferblöcken mit im Boot sind. Laut Amtsleiter Michael Mathe (Fachamt Stadt- und Landschaftsplanung, Bezirk Mitte) werden im Lauf des Werkstattverfahrens vier Planerteams eingesetzt, die aus externen Architekten, Mitarbeitern der Fachbehörden und der Bauträger bestehen sollen.
Außer den Workshops – Teilnahmebegrenzungen sind laut Michael Mathe aufgehoben worden – wird es zwei Zwischenpräsentationen geben, am Ende entscheidet ein Auswahlgremium. Ungewöhnlich für ein solches Verfahren ist auch, dass der Bezirk Mitte anstrebt, mit den Nachbarn zu verbindlichen Absprachen zu kommen. Bezirksamtsleiter Andy Grothe zufolge sind „Zweifel völlig verständlich, ob das auch so kommt, was wir ankündigen“.
Aber: Ihm und seinen Mitarbeitern sei an einem „kontinuierlichen Prozess gelegen“, es werde einen Beirat oder ein Forum geben, man wolle „zu etwas
Verbindlichem kommen“.
Die Skepsis an den Absichtserklärungen wurde im Kurt-Körber-Gymnasium jedoch immer wieder sehr deutlich spürbar. „Wie wollen Sie unbegleitete Männer integrieren“, so der empörte Zwischenruf am Anfang der Versammlung im Kurt-Körber-Gymnasium. Ein Mann, der seit 62 Jahren in der Gegend wohnt, fragte sich, wie 1.500 Einwohner der Haferblöcke 1.200 Flüchtlinge integrieren sollen – im Umkreis von acht Kilometern lebten sogar schon 10.000 Flüchtlinge. Ja, es gebe eine hohe Konzentration, räumte Bezirksamtsleiter Andy Grothe ein – das sei aber nur zeitlich begrenzt der Fall, deswegen würden auch nur 50 Prozent Flüchtlinge angesiedelt. Wichtig auch ein Votum von Polizeirat Jan Fedkenhauer, stellvertretender Polizeichef von Billstedt: Die bestehenden Flüchtlingsquartiere in Billstedt seien kein Schwerpunkt polizeilicher Arbeit, betonte er. Wenn in die neuen Unterkünfte auch Familien einzögen, werde das so bleiben. Den Einwand, an der Berzeliusstraße sei das anders, konterte der Polizist mit dem Satz, Streitereien, die dort vorkämen, „haben wir hierzulande und anderswo auch“.
Grothe wiederholte einen Satz den ganzen Abend immer wieder: Was geschehen müsse, werde geschehen und Notwendiges finanziert werden. Er warne davor „Menschen, die zu uns kommen, nur als Problem zu sehen“. Im zweiten Teil des Abends wurde ausgiebig mit den Planerteams diskutiert.

Kommentar: Ohne Geduld geht es nicht
Zwei Eindrücke haben die Auftaktveranstaltung zum Werkstattverfahren in Sachen Haferblöcken und Haßloredder beherrscht: Auch weiterhin ist die Atmosphäre solcher Abende manchmal geladener, als der Sache gut tut. Und: Bezirksamtsleiter Andy Grothe war sichtlich bemüht, Rede und Antwort zu stehen, Überzeugungsarbeit zu leisten, Vertrauen zu gewinnen. Er muss einen Beschluss ausführen, den er sich nicht ausgedacht hat – gleichwohl ist die Überlegung, für die ankommenden Flüchtlinge mehr Platz zu schaffen, richtig. Wie entstehen denn Vorbehalte und Ängste? Vor allem durch Unkenntnis und unvollständige Informationen. Angst ist aber kein Fehler, sondern eine verständliche, erste Reaktion auf Unbekanntes, Fremdes, das ich nicht einschätzen kann.
Zweite Zutat sind hitzige Schlussfolgerungen á la „Nordafrikanische Männer haben in Köln und auf dem Kiez Frauen angegriffen, das macht alle Afrikaner verdächtig“. Manche Sprachregelung höchster Politiker leistet dem, leider, noch Vorschub.
Drittens wird niemand abstreiten, dass in der Hamburger Flüchtlingspolitik Fehler gemacht wurden: Nicht nur sind bestehende Unterkünfte vorschnell geschlossen, sondern bei der Wiedereröffnung Nachbarn verspätet informiert worden.
Das alles kann, hin und wieder, auch in Hamburg eine sehr ungute Mischung ergeben, die – steuert man nicht gegen – wirklich Schaden anrichten wird.
Andy Grothe und seine Mitarbeiter haben sich mit den beiden Projekten an die Quadratur des Kreises gewagt. Das braucht Zeit, viel Geduld und Verständnis von allen Beteiligten. Der Abend im Körber-Gymnasium war ein Schritt in die richtige Richtung. (Von Frank Berno Timm)
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