Der lange Weg der Integration

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Fachera über den Dächern ihres Stadtteils: Mümmelmannsberg Foto: mdt
 
Dr. Ebrahimzada in der Klinik in Mümmelmannsberg Foto: mdt
 
Die 36-Jährige lebt mit ihrem Sohn auch in Mümmelmannsberg Foto: mdt

Als Siebenjährige flüchtete Fachera Ebrahimzada aus Afghanistan. In Hamburg kämpfte sie für ein selbstbestimmtes Leben – mit Erfolg

Von Marco Dittmer
Hamburg. Ihre Großmutter hatte es ja immer gewusst. Schon vor mehr als 30 Jahren sagte sie in der Küche beim Tomatenschneiden ihrer damals dreijährigen Enkelin eine glänzende Zukunft voraus. „Fachera“, sagte sie, „so gut, wie du mit dem Messer umgehst, wirst du mal eine tolle Chirurgin.“ Viele kleine Mädchen in Afghanistan träumen davon, einmal Ärztin zu werden. Nur wenige schaffen es. Fachera Ebrahimzada hat es geschafft. Zwar nicht in Afghanistan, aber in Deutschland. Die 36-Jährige ist Internistin und Stationsärztin einer Hamburger Stadtteilklinik. Die aparte Frau mit den kurzen dunklen Haaren ist bestens integriert, vorbildlich, würden wohl Politiker in den aktuellen Debatten um Flüchtlinge sagen.
Doch Integration ist kein Selbstgänger, sondern bedeutete für Fachera Ebrahimzada immer auch Kampf. Ein Kampf gegen Werte und Normen – mal aus ihrem Heimatland, mal aus Deutschland – ein Kampf mit sich selbst, gegen Ausgrenzung und auch gegen die eigene Familie.
Die vergangenen Jahre haben Spuren hinterlassen, auf ihr Gegenüber wirkt ihr Selbstbewusstsein beinahe wie eine schützende Hülle. Ihre Blicke sind immer hellwach. Wird sie von Fremden angesprochen, antwortet sie schnell und laut. Nur selten blickt die 36-Jährige zurück, jetzt machte sie für den Wochenblatt-Reporter eine Ausnahme. Ihre Geschichte ist der Beitrag des Hamburger Wochenblattes zur Themenwoche „Integration“ im Bundesverband Deutscher Anzeigenblätter (BVDA).
Vor 29 Jahren musste Facheras Familie aus ihrer Heimatstadt im Osten Afghanistans vor der regierenden kommunistischen Partei fliehen. Ein paar Jahre lebte sie im iranischen Mashad, nahe der Grenze zu Afghanistan. Doch auch dort wurden sie als illegale Flüchtlinge jahrelang verfolgt. Oft hatte sie Todesangst, wenn die Polizei zu ihnen nach Hause kam und nach dem Vater suchte. Mit gefälschten Pässen gelang schließlich die Flucht nach Deutschland. Plötzlich war die siebenjährige Fachera in einer völlig neuen Umgebung – Hamburg.

Der Vater – stur wie Clint Eastwood

Die ersten Wochen wohnten sie im Hotel Teheran auf dem Steindamm im Bahnhofsviertel St. Georg. Auf dem Schulweg grüßte sie jeden morgen große Frauen mit langen blonden Haaren, Stiefeln, die weit über die Knie gingen und jeder Menge Rouge im Gesicht, Prostituierte wie sie später erfuhr. Hamburgs Großstadtleben – Fachera war von dieser neuen und lauten Welt fasziniert. Ihre Eltern nicht. Zehn Jahre lang darf sie die Wohnung nur für die Schule verlassen. Nur selten machen sie eine Ausnahme. „Facheras Alcatraz“ nennen ihre Mitschüler ihr Zuhause in Mümmelmannsberg.
Eine Sozialarbeiterin erfüllt dem kleinen Mädchen ihren größten Wunsch, einen weißen, gelbgepunkteten Badeanzug für den Schwimmunterricht. Als Facheras Vater davon erfährt, ist nach zweimal Schwimmen Schluss.
Facheras Vater – klein, unsportlich, Schnurrbart – hat immer ein Dose Cola in der Hand und eine Geschichte über Kriminalfälle auf den Lippen. Später wird er mal sagen, er habe das alles nicht so gemeint. Er wollte sie gar nicht einsperren, nicht immer so streng mit ihr sein. Es sei der Druck der Familie gewesen. Was soll er ihnen sagen, wenn sie Fachera abends in einer Bar oder auf dem Hamburger Dom sehen?
Stur wie Clint Eastwood sei ihr Vater, sagt Fachera Ebrahimzada über ihn. Bis heute siezt sie ihren Vater und spricht ihn auch heute traditionell mit „verehrter Herr Vater“ an. Als Teenager wird die Schule für sie zur Leidenschaft. Hier kann sie zeigen, was in ihr steckt. Jeden Tag hockt sie stundenlang über ihren Büchern, ist jedes Jahr Stufenbeste. Aber das genügt nicht. Fachera rebelliert, zu bunt ist die Welt vor ihrer Tür, zu grau die Wände von „Alcatraz“.
Ihren ersten Freund hat sie mit 14 Jahren. Christoph, ein blonder Junge aus der Parallelklasse. Händchenhalten in der Schule geht, Küssen geht nicht, nach der Schule treffen geht auch nicht. Irgendwann hatte Christoph keine Lust mehr auf die vielen Regeln. Fachera macht weiter, geht mit Freundinnen aus, trägt enge Hosen und raucht in der Schule. Der verehrte Vater verbietet auch das. Natürlich.

Schläge drei Wochen nach der Heirat

Heute bestimmt Fachera ihr Leben selbst. Sie wohnt – wieder – in Mümmelmannsberg. Nur wenige Minuten von der Klinik entfernt, in der sie noch so viel erreichen möchte. In der islamischen Gemeinde genießt sie großes Vertrauen. Als Muslim versteht sie die Ängste ihrer Patienten, spricht ihre Sprache und erklärt den Männern, dass der Koran es erlaubt, das deutsche Ärzte ihre Frauen operieren. Mit den Bereitschaftsdiensten kommen so bis zu 90 Stunden in der Woche zusammen. Die restliche Zeit widmet sie ihrem 16-jährigen Sohn. Von seinem Vater Kambis hat sie sich nach 17 Jahren Ehe getrennt. Dabei hatte sie damals gehofft, dass Kambis ihr Ticket aus „Alcatraz“ sein könnte.
Fachera war 17 Jahre alt und trug einen Schlafanzug, als Kambis mit seinen Eltern und einem Strauß Blumen vor der Tür stand. Sie hatte den fünf Jahre älteren Mann erst zweimal auf Familienfeiern gesehen. Nun sitzen beide Familien um den großen Esstisch und sprechen über eine Heirat. Facheras Vater ist dagegen, ihre Mutter als gute Freundin des Bräutigams dafür. Fachera soll mit 17 zum ersten Mal selbst entscheiden. Aber was für eine Wahl hat sie wirklich? Zwei Wochen lang holt Kambis das Mädchen jeden Tag ab und führt sie zum Essen aus. Er sieht gut aus und hat Geld, denkt sie. Also stimmt sie zu. Drei Wochen später werden sie in ihrem Wohnzimmer von einem Imam verheiratet, weitere drei Wochen später verprügelt Kambis sie zum ersten Mal. Die 17 folgenden Jahre bezeichnet sie als schlimmsten Teil in ihrem Leben. Vor allem, weil sie immer wieder zu ihm zurückkehrt. Hier spürt Fachera zum ersten Mal den Druck der Umgebung, dem auch ihr Vater nicht widerstehen konnte. Sie gibt nach und spielt die gute Ehefrau. Ihr Sohn Kishan ist ihre einzige Hoffnung. Für ihn hat sie bis zu drei Jobs gleichzeitig, kellnert, arbeitet am Flughafen und steht hinterm Tresen eines Sonnenstudios. Doch ihren Traum hat sie nicht aufgegeben. Für ihr Medizinstudium lernt sie pausenlos, auch Schläge können sie nicht von ihrem Ziel abbringen. Monate verbringt sie mit ihrem Sohn in Hamburger Frauenhäusern. Erst am Ende des Studiums kann sie sich ein neues Leben vorstellen und trennt sich endgültig. Erst jetzt hört das Kämpfen langsam auf.
Als Kishan vor zwei Wochen seinen 16. Geburtstag feierte, liegen sich beide lange in den Armen. „Danke“, sagt er zu seiner Mutter. Dafür dass sie nie aufgegeben hat und immer weitergemacht hat. Integration bedeutet für Dr. Ebrahimzada, den eigenen Weg zu finden. Man müsse selbst die Richtung bestimmen. Alles sei möglich. Sogar der verehrte „Clint Eastwood“ aus Mümmelmannsberg hat seine Ansichten geändert. Heute kann er stolz sein auf seine Tochter.
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1 Kommentar
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Rainer Stelling aus St. Georg | 04.03.2015 | 06:27  
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