Der Rebell im alten Horn

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Die Horner Landstraße auf Höhe der Hausnummer 200 heute Foto: G.v.Borstel
 
So sah das Teilstück der Horner Landstraße im Jahre 1932 aus Foto: Geschichtswerkstatt Horn

Bäcker Bösenberg „besetzte“ die Horner Landstraße. Geschäft wich ganz zuletzt. Teil 10 der Serie

Horn In der heutigen zehnten Folge dieser Serie in Zusammenarbeit mit der Geschichtswerkstatt Horn begeben wir uns in die Horner Landstraße auf Höhe der Hausnummer 200. Hier hatte anno 1825 der Kattundrucker Johann Peter Bülster auf seinem Grundstück ein einstöckiges Wohnhaus errichten lassen. Zu dem Zeitpunkt war die Horner Landstraße aber nur halb so breit wie heute und die südliche Baulinie lag auf der heutigen Straßenmitte. Im Jahre 1827 vermietete Bülster das rückseitige Areal seines Hauses an den Farbenfabrikanten Friedrich Eduard Behrens, der hier eine Fabrikhalle errichten ließ. Von 1853 bis 1871 nutzte ein F.C.E. Beermann die Halle für seine Großbäckerei und ließ außerdem direkt links neben dem Bülster-Haus einen einstöckigen Anbau mit Ladengeschäft errichten – alten Hornern noch als „Bäckerei Bösenberg“ bekannt. 1875 hatte Julius Bösenberg das Haus und Grundstück erworben und hier eine Bäckerei betrieben, die im Jahre 1910 vom Sohn Reinhold übernommen wurde. Er war seinerzeit auch Vorsitzender des „Horner Bürgervereins von 1877“.

Landstraße wird breiter


Bereits im Jahre 1887 fiel im Senat der Beschluss, die Horner Landstraße auf 20 Meter zu verbreitern, wofür der Staat besonders auf der südlichen Seite Land erwarb. Neubauten mussten an der neuen Baulinie errichtet werden, baufällige Häuser – wie z.B. der Schinkenkrug – wurden abgerissen. Im Jahre 1900 begann man am westlichen Ortseingang bei der Güterumgehungsbahn mit der Verbreiterung und arbeitete sich langsam in Richtung Osten vor. In den späten 1920er-Jahren hatten die Arbeiten den Bauerberg erreicht: Im Frühjahr 1930 wurde das Lokal „Felsenburg“ und die sich anschließenden Wohnhäuser abgebrochen, u.a. auch das, in dem Anna Lühring gewohnt hatte.

Neue Großwohnhäuser


An der Bäckerei kamen die Bauarbeiten aber ins Stocken, weil Bösenberg sich vehement gegen den Abbruch wehrte und seine gutgehende Bäckerei nicht aufgeben und das Grundstück an die Stadt verkaufen wollte; die Verhandlungen zogen sich hin. Um nicht zu sehr in Verzug zu geraten, wurde hinter dem Bösenbergschen Anwesen in Richtung Osten weiterhin die Abrissbirne geschwungen. Bis hin zur Einmündung der Pagenfelder Straße begann man auf der freien Fläche mit dem Bau neuer vierstöckiger Großwohnhäuser. Sie entstanden zwischen 1930 und 1935 und gehörten der kleinen „Baugenossenschaft Horn“, bestehend aus den Genossen Vogel (Baumeister), Rau (Klempnermeister) und Bielenberg (Malermeister). Der erste Bauabschnitt mit den Nummern 204-208 konnte 1931 fertig gestellt werden, der zweite mit den Nummern 210-212 war 1935 bezugsfertig. Das historische Foto in dieser Folge dokumentiert die Zeit um 1932, als die Großwohnhäuser schon fertig waren, aber Bösenbergs Bäckerei noch quasi mitten auf der neuen breiten Horner Landstraße stand. Erst im November 1935 wurde dann die Bäckerei als letztes aller Häuser abgebrochen. Bösenberg hatte in zähen Verhandlungen erreicht, dass auf Staatskosten an der neuen Baulinie ein Gebäude entstand, in dem der Betrieb weiterlaufen konnte. Die Lücke zu den bereits stehenden Häusern füllte Johannes Mauer mit einem weiteren Wohnhaus, in dessen Erdgeschoss er 1938 seine Eisenwarenhandlung eröffnete. Überliefert ist, dass Reinhold Bösenberg auch erklärter Gegner der Nationalsozialisten war. Er machte aus seiner Haltung den Nazis gegenüber keinen Hehl, was ihm manche eingeschlagene oder beschmierte Schaufensterscheibe eingebracht haben soll. Nachdem Bösenberg beim großen Luftangriff Ende Juli 1943 ums Leben gekommen war, hatte Geselle Henry Sander den Betrieb übernommen, der aber weiterhin unter „Bäckerei Bösenberg“ lief. 1952 verkaufte die Witwe ihr Grundeigentum an Henry Sander. Seine Bäckerei und Konditorei bestand noch bis 1966 – zuletzt unter dem Besitzer Lohmann. Der Apotheker Klaus von Broen mietete 1965 die ehemaligen Lagerräume der Bäckerei rechts neben dem Laden und baute sie aufwendig zu einer Apotheke um. Dabei blieben viele Dinge der alten Bäckerei erhalten, wie z.B. im Büro der Steinboden und im Keller zwei Futtertröge aus der Zeit, als hier noch Schweine die Brotreste fraßen und das Pferd der Lieferkutsche hier übernachtete. Auch die Initialen „R.B. – 1936“ über dem Eingang der Nummer 200 erinnern an den „Rebell von Horn“ und das Jahr, in dem das Haus erbaut wurde.

Arztpraxis statt Bäckerei


Nachdem Lohmann die Bäckerei aufgab und das „Bandagengeschäft Manfred Schauer“ von der gegenüberliegenden Seite einzog, wurden die nach hinten angrenzenden Räume der ehemaligen Backstube zur Arztpraxis für Dr. Sokrates Bravos umgebaut. (gvb/wb)


Lesen Sie auch: Die Geschichte vom Horner Berg. Teil 1

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Lesen Sie auch: Als Pelikane in Horn lebten. Teil 3

Lesen Sie auch: Wie Horn nach 1945 neu entstand. Teil 4

Lesen Sie auch: (Fast) auf dem Trockenen. Teil 5

Lesen Sie auch: Das Horner Grün ist noch jung. Teil 6

Lesen Sie auch: Nahverkehr im Wandel. Teil 7

Lesen Sie auch: Als Post aus der Röhre kam. Teil 8

Lesen Sie auch: Take it easy, altes Haus!. Teil 9

Weitere Infos zum Stadtteil Horn und seiner Historie gibt es online auf www.geschichtswerkstatt-horn.de
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