Die letzte Straßenbahn in Hamburg

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1975: Kopfsteinpflaster, Straßenbahn und ein „Männerwohnheim“ – die Sievekingsallee im Jahr 1975 Foto: Ewald Hauck
 
2017: Bushaltestelle statt Straßenbahn, Wohnungen statt Wohnheim – die Sievekingsallee im Jahr 2017 Foto: v. Borstel
Hamburg: Sievekingsallee |

1976 wurden in der Sievekingsallee die Schienen entfernt und durch Busverkehr ersetzt. Teil 23 der Serie „Horn – damals und heute“

Von Gerd von Borstel
Horn
In der 23. Folge unserer Serie in Zusammenarbeit mit der Geschichtswerkstatt Horn steht der Fotograf Ewald Hauck an der Einmündung der O'Swaldstraße in die Sievekingsallee und fotografiert am 6.3.1976 – am Tag vor der Betriebseinstellung – einen der letzten Straßenbahnwagen der Linie 15. Die Sievekingsallee führte von Borgfelde kommend zuerst nur bis Hamm und wurde 1910 nach Karl Sieveking benannt. Geboren 1787 in Hamburg, war er ein Senatssyndikus, Diplomat, Politiker, Kunstmäzen und Philanthrop. Obwohl nie Bürgermeister oder Senator, zählt er zu den prägendsten Persönlichkeiten Hamburgs in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Rauhes Haus


Neben seiner diplomatischen und politischen Tätigkeit wirkte Sieveking unter anderem als Förderer zahlreicher Künstler seiner Zeit und gehörte zu den Mitbegründern des Kunstvereins. Außerdem ermöglichte er die Gründung des Rauhen Hauses für verwahrloste Kinder, indem er Johann Hinrich Wichern ein Grundstück aus seinem Privatbesitz überließ. Die Verlängerung der Allee nach Horn wurde erst 1929 beschlossen und umgesetzt; mit der Linie 17 fuhr hier ab 1932 auch eine Straßenbahn. Die Wohnbebauung endete aber bis nach dem Krieg auf Hammer Seite an der Güterumgehungsbahn. Nur an der Einmündung in die Rennbahnstraße entstanden noch vor dem Krieg große Wohnblöcke; die restlichen Flächen waren von Kleingärtnern besiedelt. In den 1950iger-Jahren wurden dann rund um den neu angelegten Rhiemsweg zwischen Sievekingsallee und Rennbahnstraße auf dem Areal der ehemaligen Schrebergärten nach und nach neue Wohnblöcke und Hochhäuser errichtet. Den Abschluss machten 1960 ein Supermarkt der „Produktion“, die Drogerie Schilske und eine Filiale der „Bank für Gemeinwirtschaft“ an der Sievekingsallee 185.

Markantes Hochhaus


Markant auf dem alten Foto ist das Hochhaus links von der Ladenzeile, damals die Hausnummer 181. Im Gegensatz zu den übrigen acht Hochhäusern in dieser Siedlung handelte es sich hier um ein sogenanntes „Männerwohnheim“ mit kleinen Ein-Zimmer-Wohnungen. Darum verzichtete man an diesem Haus auch auf Balkone und stattete es dafür mit einer Dachterrasse aus. In den Nachkriegsjahren konnten sich alleinstehende Männer von ihrem kargen Lohn keine eigene Wohnung leisten. Zudem galt es als „unschicklich“, wenn unverheiratete Frauen und Männer in einem Haus oder einer Wohnung zusammenwohnten. So boten diese Wohnheime – ein zweites gab und gibt es immer noch an der Culinstraße – günstigen Wohnraum für die Junggesellen. Nachdem sich ab den 1970er-Jahren die moralischen Werte veränderten, gab es kaum noch Bedarf für Wohnheime. So entschloss sich die Baugenossenschaft Hansa, das Haus 1988 abzubrechen. Auch Bank und Drogerie mussten dem Neubau weichen, der 1991 errichtet wurde. Der Supermarkt blieb erhalten, wurde um- und ausgebaut und von der Kette „Penny“ weiterbetrieben. Einen Tag, nachdem Ewald Hauck sein Foto schoss – am 7. März 1976 – stellte die Hochbahn den Straßenbahnbetrieb in Horn ein. Die Schienen wurden umgehend entfernt, der breite Mittelstreifen mit ahornblättrigen Platanen bepflanzt und die Bahn dauerhaft durch eine Buslinie ersetzt.

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