Ein ganzer Stadtteil hilft

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Andreas Holzapfel (Mitte) hat spontan für Hilfe gesorgt, unterstützt von Freundin Susanne Helbig und Tochter Noa (17) sowie Paul Veit (14) Foto: kg
 
Ahrun (5) ist mit Mutter und Schwester auf die Straße gelaufen. Tina und Sohn Noa und Steffi mit Vitalii sind froh, hier Unterstützung zu bekommen Foto: Grell

Spontane private Spenden für Betroffene nach Bunkerbrand. Kritik an Behörde

Von Karen Grell
Rothenburgsort
Im Nachthemd nur mit Hausschuhen an den Füßen auf die Straße laufen. Was wie ein Albtraum klingt, ist für über 400 Menschen in Rothenburgsort vergangene Woche bittere Realität geworden. Nach einem Brand in einem Bunker im Stadtteil nahe der Marckmannstraße klopfte in den frühen Morgenstunden die Feuerwehr an die Türen. „Ich hab sofort an die Tiere in der Nachbarwohnung gedacht, in der meine Eltern leben, die gerade im Urlaub sind“, erinnert Mario die ersten Sekunden des Schreckens. Die meisten standen dann nur im Schlafanzug aber glücklicherweise mit der ganzen Familie auf der Straße. „Wir wussten erst einmal gar nicht, was wir machen sollten“, erzählt Fatin (17), die noch schnell ein paar Schminksachen eingepackt hatte. Heute muss sie schon fast ein wenig schmunzeln über ihr Handeln unter Schock. Untergebracht wurden die etwa 400 Menschen aus über 200 Wohnungen zunächst durch die Frank-Gruppe, die den Immobilienkomplex betreut, im Hotel Holiday Inn. Dort gab es außerdem für alle ein Frühstück. Doch es fehlte an vielen anderen Ecken: Wechselklamotten, Windeln für die Kinder, Zahnbürsten und warme Mahlzeiten. Lehrer Andreas Holznagel, der seit zehn Jahren im Stadtteil wohnt, wurde spontan aktiv und zu einem wahren Alltagshelden. Mit den Schlüsseln für das Abgeordnetenbüros der SPD-Distriktsvorsitzenden Carola Veit in der Hand, organisierte er in nur wenigen Stunden eine gut funktionierende Selbsthilfe unter Nachbarn. „Wer erst wartet, dass andere aktiv werden, ist meist verloren“, so der kreative Helfer, der selber gerade Ferien hat. Über facebook richtete er eine Nothilfe ein, die Menschen aus dem Stadtteil dazu bewegte, Sachspenden vorbeizubringen. „Die Hilfsbereitschaft riss gar nicht mehr ab“, sagt Holznagel. Clemens Thoma von der Frank-Gruppe hatte am Montag gute und schlechte Nachrichten. „Noch kann niemand in die Wohnungen zurück, weil wir auf die Ergebnisse der Laboruntersuchungen warten“, so Thoma. Allerdings konnten die Anwohner für ein paar Minuten in Begleitung eines Sicherheitsmannes in ihre Wohnungen und die wichtigsten Dokumente rausholen. Für viele zumindest ein kleiner Lichtblick, denn ohne Bankkarten und Personalausweis war es den meisten nicht einmal möglich irgendwie an Geld zu kommen.
Kleine persönliche Geschichten hat Andreas Holznagel hier im Büro viele gehört. „Eine Frau wollte heiraten und kommt nicht an das Brautkleid, ein Besucher aus London nicht an sein Ticket und den Reisepass für den Rückflug.“ Den eigenen Urlaub an der Nordsee zusammen mit seiner Freundin hat Andreas Holznagel kurzfristig abgesagt. „Ich kann doch nicht in den Dünen sitzen, wenn die Leute hier nicht wissen, wie es weitergehen soll“. Nachbarschaftshilfe erster Klasse eben, in einem Stadtteil „in dem die Menschen sich oft von der Stadt vergessen fühlen“, weiß Holznagel. Er ist stolz auf sein Viertel, in dem die Menschen sich spontan untereinander geholfen haben. Und übt Kritik am Verhalten des Bezirksamts, das die Verantwortung auf den Vermieter und ehrenamtlicher privater Initiativen abwälze. „Das sei empörend und irritierend“, heißt es in einem Brandbrief, den Holznagel und Mitglieder von Rothenburgsorter Initiativen am Freitag an Bürgermeister Olaf Scholz und Bezirksamtsleiter Andy Gote geschickt haben. Sie fordern darin Informationen zum Hergang des Unglücks und der daraus entstandenen Umweltbelastung.

Weitere Infos für die Mieter unter 697 111 108 oder unter www.frankgruppe.de
Im Holiday Inn ist ein Büro geöffnet worden, in dem zwischen 10 und 18 Uhr Fragen beantwortet werden und zusätzlich zur Stadtteilhilfe Wasser, Kekse und Hygieneartikel verteilt werden, Infos auch unter Rothenburgs-ort-News auf Facebook. Der
Trägerverein der RothenBurg verkürzt seine Sommerpause und bietet ab 13. August zwischen 13-15 Uhr die Offene Sozialberatung an.
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