Ein Leben in Stille

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Mandy und David Wyrostek mit Baby Mera Foto: Albertsen

Mandy Wyrostek aus Hamburg ist gehörlos und gibt Hörenden Unterricht in Gebärdensprache

Von Thore Albertsen
Uhlenhorst Ein heftiges Vibrieren erschüttert den Küchentisch von Mandy Wyrostek. Doch das ist nicht etwa das Handy, das hier durch Vibrationsalarm auf sich aufmerksam macht, sondern das Babyphone der 33-Jährigen. Denn Mandy ist gehörlos – Geräusche des Kindes könnte sie mit einem handelsüblichen Babyphone nicht wahrnehmen. „Es gibt auch Babyphones, die über Lichtsignale funktionieren“, erzählt sie. „Genauso wie meine Türklingel. Die blitzt, wenn jemand klingelt.“

Zusammen mit ihrem ebenfalls gehörlosen Ehemann und ihrer dieses Jahr geborenen Tochter lebt Mandy in Poppenbüttel und betreibt ihre eigene Sprachschule „handgold“ in Mundsburg, in der sie hörenden Menschen mit viel Spaß und ganz individuell die Gebärdensprache und die Gehörlosenkultur näher bringt. Dass sie einmal in Hamburg landen würde, war dabei gar nicht geplant.
Aufgewachsen in Ost-Berlin, zieht Mandy mit 16 Jahren in ein Internat für Hörgeschädigte nach Essen. „Das war damals die einzige Schule, auf der ich mein Abitur hätte machen können“, erklärt sie. Da die meisten Schüler aber schwerhörig sind, läuft der Unterricht in Lautsprache und nicht in Gebärdensprache ab. Ihr fällt die Kommunikation schwer, sie fühlt sich unwohl und frustriert. Nach 1,5 Jahren bricht sie ab und geht zurück nach Berlin. Sie sucht nach einem Ausbildungsplatz, am liebsten im Büro – kein leichtes Unterfangen. „Viele Firmenchefs konnten sich einfach nicht vorstellen, dass ich für die Arbeit im Büro geeignet bin – immerhin konnte ich nicht wie ein hörender Mensch am Telefon sprechen. Doch ich habe alle vom Gegenteil überzeugt“, erklärt sie und lächelt. Denn Mandy macht aus einer angeblichen Not eine Tugend: Im Gegensatz zu ihren Kollegen beim Bezirksamt Tempelhof, die durch Telefonanrufe oder Störgeräusche immer wieder aus der Arbeit gerissen werden, kann sie Fälle schnell, konzentriert und sorgfältig bearbeiten, nimmt ihren Kollegen so viel Arbeit ab. Heutzutage gibt es für Hörgeschädigte in einer Büroumgebung zum Glück viele Möglichkeiten: Arbeitsassistenten, die bei der Kommunikation mit Hörenden unterstützen, Relay-Dienste, die Telefonate in Schrift oder Gebärdensprache übersetzen oder andere moderne Technik.

Australische Gebärdensprache


Nach dem Abschluss ihrer Ausbildung zur Fachangestellten für Bürokommunikation bricht das Fernweh bei Mandy aus. „Ich wollte raus, einfach was von der Welt sehen“, erklärt sie. Gedacht, getan! Sie reist nach Australien, verbringt sechs Monate in Sydney und weitere vier Monate in Perth, lebt in WGs, lernt hörgeschädigte und nicht hörgeschädigte Freunde kennen, reist durch’s ganze Land und arbeitet in unterschiedlichen Jobs. „Berührungsängste hatte ich nie. Insgesamt war das eine tolle Zeit mit vielen, neuen Eindrücken.“ Auch in die australische Gebärdensprache kommt sie schnell rein. „Wie alle Lautsprachen, haben sich auch die jeweils nationalen Gebärdensprachen mit der Zeit entwickelt. Es gibt keine einheitliche, internationale Gebärdensprache. Jede einzelne Landessprache muss man neu lernen“, erklärt sie.

Studium in Down Under


Wieder zurück in Deutschland, merkt Mandy, dass sie ihr Herz „Down Under“ verloren hat. Sie fackelt nicht lange, bricht ihre Zelte in Deutschland ein weiteres Mal ab und studiert die folgenden 1,5 Jahre „Multimedia“ am SAE Institut in Perth. Nach Abschluss ihres Diploms und dem Ablauf ihres Visums muss Mandy zurück nach Deutschland. Frei nach dem Motto „Auf zu neuen Ufern“ sucht sie sich eine Arbeit an einer Berliner Gebärdensprachschule und merkt, wie sehr ihr die Arbeit als Dozentin Spaß bringt.

Immer neugierig auf Neues startet sie kurz darauf noch ein Studium an der Universität Hamburg zur tauben Gebärdensprachdolmetscherin, das sie 2011 erfolgreich abschließt und seitdem sehr erfolgreich in dem Beruf arbeitet.
2010 lernt sie ihren Mann kennen. „Ich war mit Freunden auf dem CSD. Dort sind wir auf eine andere Gruppe von Freunden getroffen – als Gehörlose sind wir meistens in großen Gruppen unterwegs – und er war dabei“, sagt sie und lächelt. Die beiden verlieben sich, entscheiden sich, gemeinsam in die wunderschöne Hansestadt zu ziehen, heiraten und bekommen im Februar 2016 ihr erstes Kind.
Ob Baby Mera auch gehörlos ist, ist den beiden dabei nicht wichtig. „Ob sie nun hören kann oder nicht, spielt keine Rolle für uns. Immerhin wird ihre Muttersprache auf jeden Fall die Gebärdensprache sein“, erklärt Mandy.
Dann vibriert plötzlich der Tisch. Doch dieses Mal ist es nicht das Babyphone, sondern das Smartphone – es ist Mandys Mutter, die anruft. Ganz einfach per FaceTime.

Wer die Gebärdensprache lernen möchte, hat bei „handgold“ die Gelegenheit dazu. Weitere Informationen unter www.handgold-gebaerden.de
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