Eine Schulklasse voller Akademiker

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Dieter Petzler (62) unterrichtet ehrenamtlich in der aramäischen Gemeinde Billstedt Foto: Mayer
 
Hatun S. (65, l.) ist aramäische Christin und lernt Deutsch Foto: Mayer

In der aramäisch-christlichen Gemeinde in Billstedt lernen geflüchtete Christen Deutsch

Von Friederike Mayer
Billstedt
Die ältere Frau in der ersten Reihe fiel Dieter Petzler bald auf. So langsam und ungelenk wie sie schrieb sonst niemand in diesem Kurs, in dem die meisten einen Universitätsabschluss haben. Petzler, seit zwei Monaten ehrenamtlicher Deutschlehrer, wunderte sich und fragte irgendwann nach. Noch heute schüttelt er ungläubig den Kopf, wenn er davon erzählt. Hatun S., 65, Mutter von neun Kindern und aramäische Christin aus der Türkei war Analphabetin, als sie nach Deutschland kam. Heute kann sie die Buchstaben schreiben und erste Wörter lesen. Sie, die in ihrer Heimat nie eine Schule besucht hat, kommt regelmäßig zum Deutschunterricht in die christlich-aramäische Gemeinde, die zur syrisch-orthodoxen Kirche gehört. Das Gemeindezentrum in Billstedt ist ein grauer schmuckloser Klotz an der Steinbeker Hauptstraße. Oben hängt der Weihrauch noch schwer in der Luft, eine Treppe führt hinunter in einen fensterlosen Raum mit gelb gestrichenen und bunt von Kindern bemalten Wänden. Hier unterrichten Petzler, 62, und Georg Noll, 74, zweimal die Woche Deutsch, ehrenamtlich. An diesem Sonnabend sind 18 Geflüchtete zum Deutschkurs gekommen, die meisten davon sind Ältere, viele über 50. Sie alle sind aramäische Christen und aus dem syrisch-türkischen Grenzgebiet vor Krieg und Verfolgung geflohen. Und fast alle sind gut ausgebildet, viele Ingenieure, ein Informatiker, ein Zahntechniker, eine Dozentin für Maschinenbau. Hatun S. ist eine Ausnahme. Doch sie alle möchten nur eins: Schnell die deutsche Sprache lernen. „Sie wollen alle schnell Fuß fassen, integriert werden und bald arbeiten“, sagt Josef Aydin, der Erste Vorsitzende. Er steht neben Noll an der Tafel und übersetzt ins Aramäische. Heute werden Verben geübt. Noll erklärt sie mit ausholenden Gesten und die Erwachsenen, die wieder zu Schülern werden, wiederholen sie laut. Viel Gelächter gibt es, besonders, als Petzler aufspringt und mit ganzem Körpereinsatz den wichtigen Unterschied zwischen „hören“ und „huren“ erklärt. Petzler und Noll sind keine Gemeindemitglieder, doch für beide ist es wichtig, etwas zu tun. „Wo sonst“, sagt Petzler, „bedanken sich die Schüler nach dem Unterricht?“ Noll war früher oft beruflich in Syrien: „Ich habe damals so viel Gastfreundschaft erfahren, da möchte ich etwas zurückgeben“. Etwa 300 Mitglieder habe seine Gemeinde, sagt Josef Aydin, und sie wächst. Er hat viel zu tun in der letzten Zeit, hilft bei der Wohnungssuche oder Behördengängen und hat auch bei sich Zuhause Menschen aufgenommen. Die meisten sind als Kontingentflüchtlinge oder mit einer Verpflichtungserklärung nach Deutschland gekommen, und mussten nicht die gefährlichen Fluchtrouten nach Europa auf sich nehmen. Doch sicher vor Verfolgung und Diskriminierung sind sie auch in Deutschland nicht, sagt Aydin und erzählt von Übergriffen auf Christen in Flüchtlingsunterkünften.
Als anerkannte Flüchtlinge haben die meisten auch in ihren Integrationskursen Deutschunterricht, doch sie wollen jede Möglichkeit nutzen. Immer wieder gibt es Nachfragen. Aydin ist dabei ein Vermittler – nicht nur bei der Sprache, auch bei den Kulturen. Bald will er noch einen Kurs veranstalten, es soll um deutsche Gesetze und Regeln gehen. „Wann sehen wir uns wieder?“ schreibt Noll an die Tafel, die Gruppe wiederholt den Satz laut. Und Hatun S., die die Worte sorgfältig mitgeschrieben hat, hebt den Kopf, sagt laut „Morgen!“, und lächelt.
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