„Erwartungen an die Politik sind gestiegen“

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Falko Droßmann ist neuer Bezirksamtsleiter in Hamburg-Mitte Foto: Timm

Bezirksamtsleiter Mitte Falko Droßmann über Verwaltung, Großveranstaltungen, Wohnungsbau und Sport

Von Frank Berno Timm
City
Seit wenigen Wochen ist er im Amt: Falko Droßmann (SPD) ist der neue Bezirksamtsleiter in Mitte, dem wichtigsten Bezirk der Hansestadt. Im Gespräch mit dem Hamburger Wochenblatt umreißt er die Schwerpunkte seiner Arbeit.

Hamburger Wochenblatt: Herr Droßmann, ein Hamburger Dichter hat einmal gesagt, Politik sei „Liebe zur Menschheit“ im Unterschied zur
Liebe zum einzelnen Menschen. Teilen Sie diese Auffassung?
Falko Droßmann: Nein. Ich finde die „Liebe zur Menschlichkeit“ wichtiger und richtiger. Schließlich gibt es immer wieder Menschen, über die ich mich ärgere. Aber es kommt darauf an, der Menschlichkeit zum Durchbruch zu verhelfen, und sie zu kultivieren und zu bewahren.

WB: Was haben Sie sich denn für die nächsten Jahre vorgenommen? Wo sollen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit liegen?
Droßmann: (lacht, überlegt einen Moment): Ich möchte das Haus noch besser kennenlernen. Das haben die Mitarbeiter auch verdient, und ich werde mir dafür auch Zeit nehmen. Dazu gehört zum Beispiel, dass ich auch in die Kundencenter gehe und mich mit den Leuten dort zwei Stunden hinsetze und mit ihnen rede.
Viele Schwerpunkte sind natürlich vorgegeben: Das Thema „stromaufwärts an Elbe und Bille“, die Nord-Süd-Achse; Großveranstaltungen, die hier in Mitte stattfinden.
Ich komme ja aus der Sozialpolitik, ich werde also ein Augenmerkt auf Kinder- und Jugendhilfe legen. Ich werde mich um Sport kümmern – in den Turnhallen haben wir immer mehr Nutzungskonflikte . . .

WB: . . .wegen der Flüchtlingsunterbringung?
Droßmann: … nein, wir haben keine Flüchtlinge in Turnhallen untergebracht, die noch als solche in Betrieb sind. Es geht darum, dass aus den Betrieben immer mehr Sportgruppen in die Hallen wollen – zu einer Zeit, in der die Kinder aus der Ganztagesbetreuung kommen und ebenfalls Sport machen wollen. Die Struktur der Jugendhilfe muss immer wieder überprüft werden. Es kann sein, dass eine Jugendeinrichtung, etwa ein Jugendhaus nach 20 Jahren nicht mehr am richtigen Platz steht, dass sich etwas verändert hat. Das müssen wir stetig überprüfen und verändern.

WB: Was ist denn Ihr größtes Ärgernis?
Droßmann: Dass die Erwartungen an die Politik immer mehr gestiegen sind, die Ressourcen aber nicht mitwachsen. Verstehen Sie: Wenn wir eine Baugenehmigung erteilen sollen, müssen wir wirklich jedes Detail prüfen, das braucht Zeit und Leute.

WB: Kollegen haben darüber berichtet, dass in den Kundencentern Stellen nicht besetzt und für den Ausbau nicht die richtigen Leute zu finden sind. Das führt zu langen Wartezeiten, wenn man etwas braucht . . .
Droßmann: Ja, da haben wir große Probleme. Aber: Jeder wird sein Ausweisdokument für die Urlaubsreise bekommen. Wir arbeiten hart daran, die Situation in den Griff zu kriegen. Und ich danke den Mitarbeitern, die jetzt dort arbeiten.

WB: Vielfach wird über die langfristige Unterbringung von Flüchtlingen diskutiert. Der Bezirk Mitte ist mit dem Werkstattverfahren für Haferblöcken und Haßloredder ja ungewöhnliche Wege gegangen. Der Haßloredder fällt weg – gibt es schon Ersatz?
Droßmann: Zunächst: Das Werkstattverfahren war eine Forderung der Bezirksversammlung, daran würde ich gern erinnern. Für den Haßloredder suchen wir noch nach einer Fläche. Wir müssen noch 550 Wohnungen schaffen, das wird eher dezentral passieren.

WB: Ist das eine Schlussfolgerung aus den Debatten mit den Initiativen, die sich gegen Großprojekte aussprechen?
Droßmann: Nein, das ist es nicht. Obergrenzen sind falsch. Das Quartier muss funktionieren.

WB: Können Sie skizzieren, wie es in Sachen Wohnungsbau weitergehen wird?
Droßmann: Der Vertrag mit der Wohnungswirtschaft, pro Jahr 6.000 neue Wohnungen zu bauen, ist immer überschritten worden. Wir müssen davon ausgehen, dass Hamburg im Jahr 2025 zwei Millionen Einwohner haben wird. Also müssen wir nachverdichten – zum Beispiel auf der Horner Geest. Wir brauchen neue Flächen für Bebauungspläne, neue Art von Architektur . . .

WB: … woran denken Sie?
Droßmann: Wenn wir für jedes Haus, am Ende jede Wohnung eigene Entwürfe haben, treibt das die Kosten hoch. Und viele Häuser aus der unmittelbaren Nachkriegszeit haben ihre Nutzungsdauer längst überschritten. Wir müssen darüber sprechen, auch darüber, wo wir bei weitergehendem Schutz der Bestände Wohnungsbau in Kleingartenanlagen machen können. Die Stadt muss sich umbauen. Wir werden weiter Leerstand kontrollieren; er ist glücklicherweise eine Ausnahmeerscheinung. Wir wollen die Expertise der Menschen nutzen, ich erwarte, dass sie sich einbringen.

WB: Letzte Frage: Was würden Sie als Ihren größten Glücksfall betrachten?
Droßmann: Ich habe die besten Dezernenten, und Fachamtsleiter und Mitarbeiter in ganz Hamburg.

Info:
Falko Droßmann M.A. ist 42 Jahre alt und gehört der SPD an. Der gelernte Historiker und Kommunikationsoffizier der Bundeswehr ist unverheiratet, hat keine Kinder und ist mit einem Berliner Architekten zusammen. Er treibt Sport, liest gern und kam über sein Engagement in der Horner Timotheus-Gemeinde in die Politik
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3 Kommentare
803
Erich Heeder aus Billstedt | 02.04.2016 | 14:16  
400
Rainer Stelling aus St. Georg | 04.04.2016 | 19:05  
1.241
Elke Noack aus Rahlstedt | 05.04.2016 | 15:53  
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