Experten in Sorge

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Symbolfoto: thinkstock
 

„Mehr Krankheiten, zuwenig Ärzte“

Von Martin Jenssen
Hamburg. Wenn eine alte Dame, die einen Termin abgesprochen hat, im überfüllten Wartezimmer einer Facharztpraxis acht Stunden warten muss, bevor sie aufgerufen wird, dann ist etwas „krank“ im System. Damit solche Vorfälle, wie kürzlich in Billstedt geschehen, nicht zur Regel werden, kämpfen die Vertreter von sozialen Einrichtungen im Hamburger Osten für eine Behebung des Fachärztemangels und für Verbesserungen im Bereich der Mütterberatung und Babybetreuung.
Nach den ersten lauten Protesten aus den Stadtteilen haben sich Ärztevereinigungen, Politiker und Behörden mit der Problematik befasst. „Ja, man hat uns wahrgenommen“, so Bettina Rosenbusch vom Bildungsforum „Billenetz“, das jetzt zu einem weiteren Fachgespräch eingeladen hatte. Interessant waren die ersten Resultate einer Untersuchung der OptiMedis AG, die Konzepte für eine bessere Gesundheitsversorgung entwickelt: Danach ist die medizinische Versorgung der Menschen in Billstedt und Horn immer noch äußerst besorgniserregend. Das liegt vor allem an den Lebensumständen. Viele soziale Faktoren wie niedriges Einkommen, Arbeitslosigkeit, schlechte Wohnbedingungen und ungesunde Ernährung beeinflussen Kranksein und Gesundwerden
Der Leiter der Untersuchung, Alexander Fischer: „Die sehr niedrige soziale Lage führt zu einem höheren Auftreten von Volkskrankheiten, vor allem zu Depressionen, Diabetes und Bluthochdruck. Die Krankheiten treten in jüngeren Jahren auf. Gesundheitlich gesehen altern die Bewohner von Bill-stedt und Horn rund zehn Jahre früher als Menschen in besser gestellten Stadtteilen.“ Das wirkt sich auch auf die Sterberate aus.
Der Ärztemangel ist besonders eklatant im Bereich der Psychotherapeuten. Verglichen wurde der Ärztemangel mit Stadtteilen im Hamburger Westen (Blankenese, Osdorf, Nienstedten). In Zahlen: Im Westen stehen 57 Psychotherapeuten für 57.354 Einwohner zur Verfügung. In Billstedt Horn arbeiten fünf Psychotherapeuten für 108.429 Einwohner. Ähnlich groß ist der Mangel an Chirurgen und Augenärzten.
Das Minus bei Kinderärzten ist dagegen nicht ganz so knapp. Dennoch sind sechs Kinderärzte in den kinderreichen Stadtteilen Billstedt, Horn und Mümmelmannsberg eindeutig zu wenig. In Zahlen: Im Westen betreuen sechs Kinderärzte 8.489 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Im Osten sind es sechs Kinderärzte für 18.967 Kinder.
Die Überbelastung der Kinderärzte im Osten wird noch größer durch die besonderen Herausforderungen, mit denen sie zu kämpfen haben. Zum Beispiel mit Sprachschwierigkeiten. Zahlreiche Eltern, die mit ihren Kindern zum Arzt kommen, sprechen nur gebrochen Deutsch. So kosten allein die Verständigungsschwierigkeiten viel Zeit bei der Behandlung der jungen Patienten. Viele Kinder aus Billstedt/Horn, so die OptiMedis AG, haben noch nie einen Arzt gesehen.
Insgesamt ist die Versorgung mit Fachärzten in Hamburg ausreichend. Doch die meisten Ärzte praktizieren in der Innenstadt, vor allem im weitläufigen Gebiet rund um die Alster. Nur sehr wenige Patienten aus Billstedt/Horn nehmen den Weg in die Innenstadt auf sich. Menschen, die mit sozialen Problemen und Sprachschwierigkeiten zu kämpfen haben, verlassen ungern ihren Stadtteil, so die Ergebnisse der Untersuchung der OptiMedis AG. Sie finden sich in anderen Stadtteilen nur schwer zu Recht und sie scheuen die Fahrtkosten. Das gilt vor allem für Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Gezielte Maßnahmen

Deswegen gilt es, die „Facharztflucht“ aus Billstedt/Horn zu stoppen und jungen Ärzten die Ansiedlung schmackhaft zu machen. Die von der OptiMedis AG befragten Ärzte waren durchaus zufrieden mit ihrer Situation. Die Mediziner schätzen das multikulturelle Leben in Billstedt und Horn. Keiner der befragten Ärzte würde seine Praxis in einen anderen Stadtteil verlegen. Fischer: „Positiv ist auch, dass die Praxen sich sehr gut auf die Gegebenheiten der Stadtteile wie Mehrsprachigkeit und soziale Nebendiagnosen eingestellt haben.“
Mit gezielten Maßnahmen wollen die Initiatoren der Gesundheitsgespräche ihren Stadtteilen aus der medizinischen Misere helfen. Unter anderem wollen sie Kontakt aufnehmen zum Universitätskrankenhaus Eppendorf. Sie wollen Medizinstudenten in die Region einladen, um ihnen zu zeigen, wie interessant und abwechslungsreich die Arbeit im Hamburger Osten sein kann. Für eine Entlastung der Ärzte könnten auch mobile Ärzteteams sorgen, die die Betreuung in den Flüchtlingsunterkünften übernehmen. (je)
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