Fast vergessenes Kleinod

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Das ehemalige Wohnhaus, im Jahr 1931 gebaut, ist von der Straße aus nicht zu übersehen, dahinter die alten Hallen Foto: Landeck
 
Der Zahn der Zeit hat an der Villa deutliche Spuren hinterlassen Foto: Landeck

Altes Metallwalzwerk ist Zeugnis für historische Fabrikarchitektur

Von Johanna Landeck
Billbrook
Wer mit einem aufmerksamen Blick durch das örtliche Industriegebiet spaziert, der kann ein echtes Stück Zeitgeschichte entdecken: Eingezwängt zwischen einer kleinen Tankstelle und riesigen Lagerhallen schlummert ein uraltes Metallwalzwerk seinen Dornröschenschlaf. Adresseinträgen und Reklametafeln zufolge wird das Gelände am Billbrookdeich 167 bis 171 aktuell von der Firma E.P.G. Europaletten GmbH und Gebrauchtwagenhändlern kommerziell genutzt. Dennoch finden sich auf dem Areal auch ein historisches Wohnhaus und drei ehemalige Hallen, darunter ein als Schmelzofengebäude errichteter Backsteinbau und unmittelbar an der Bille ein Lagerschuppen für fertige Metalle. Den größten Bestandteil bildet ein dreigeschossiger Hallenkomplex. Laut Angaben des Denkmalschutzamtes betrieb die Firma Louis Freund bereits im Jahr 1899 ein Metallwalzwerk auf dem Gelände. Von diesen Gebäuden existieren allerdings nur noch Rudimente. Später, zwischen den Jahren 1912 und 1914, entstand unter der Leitung des Architektur- und Ingenieurbüros Gustav Kraus eine neue Fabrikanlage. Die Kupfer- und Messingblechfabrik „Hamburger Metall-Walzwerk von George Dittmann & Co“ nutzte das Areal in der Folge ebenfalls als Werksgelände.

Seit 2005 unter Schutz gestellt

Die alten Industriebauten, die sich gleichsam wie das Gelände in Privatbesitz befinden, sind mehr als die bloße Ansammlung bröckeliger, übereinandergestapelter Steine. Tatsächlich ist das verlassene Walzwerk ein „anschauliches Beispiel für die Fabrikarchitektur der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg“. So schreibt es Christine Onnen in ihrem Gutachten zum Denkmalwert. Aus diesem Grund wurde das Areal bereits im Jahr 2005 offiziell unter Schutz gestellt. Insbesondere zwei der Hallen bezeichnet Onnen als bedeutendes Zeugnis der Hamburger Industriegeschichte. Und obwohl der Zahn der Zeit an den Hauswänden und Dächern deutliche Abdrücke hinterlassen hat, liegt die Erhaltung des Ensembles laut Onnen im Interesse der Öffentlichkeit.

Für die Nachwelt bewahren


Die Billstedter SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Hildegard Jürgens verweist auf das Konzept des Hamburger Senats „Stromaufwärts an Elbe und Bille“: „Es ist unter anderem geplant, das Industriegebiet Billbrook aufzuwerten und Flächen für zukunftsorientierte Industrieunternehmen anzubieten. Dabei sollen historische Gebäude und stadtbildprägende Baustrukturen als Identifikationsräume erhalten bleiben.“
Die Villa und wenigstens ein Fabrikgebäude des ehemaligen Walzwerkes müssten laut Jürgens im Rahmen der zur Verfügung stehenden Mittel für die Nachwelt bewahrt bleiben. Auch die Bezirksabgeordnete der Grünen, Nicole Kisten-brügger, setzt auf die Erhaltung des historischen Juwels: „Es wäre wünschenswert, wenn durch mehr Fördermöglichkeiten die Erhaltung ermöglicht werden könnte, allein auch als anschauliche Heimatgeschichte des Stadtteils. Konkrete Pläne hierzu bestehen zwar leider noch nicht, jedoch könnten wir uns eine öffentlich zugängliche Nutzung sehr gut vorstellen.“
Enno Isermann, Pressesprecher der Hamburger Kulturbehörde, betont jedoch: „Die Feststellung des öffentlichen Interesses an der Erhaltung eines Objektes bedeutet nicht, dass dieses der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte. Ungeachtet des Denkmalschutzes hat der Eigentümer über eine allgemeine Zugänglichkeit seines Eigentums selbst zu entscheiden.“

Nur alt oder schon marode?


Ganz anders sieht die Sache die CDU-Fraktion Hamburg-Mitte. „Kaum ein Billstedter oder Billbrooker kennt dieses Walzwerk und es gibt dort kaum Passanten. Die Gebäude sind stark herunter gekommen und vermitteln dem Betrachter absolut kein Bild von Nostalgie oder irgendeinem Erhaltungs-wunsch“, so der CDU-Abgeordnete David Erkalp. Der Zustand der Gebäude sei dem Denkmalschutzamt bekannt, sagt dazu Enno Isermann: „Es ist mit dem Eigentümer hierüber sowie über Sanierungsmaßnahmen im gesamten Bereich des Grundstücks in Kontakt.“
Fazit: Was mit dem alten Walzwerk in Zukunft geschehen wird, bleibt abzuwarten. Eines ist es jedoch bereits heute: Ein ganz besonderes Stück Zeitgeschichte.
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1 Kommentar
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Christiane Störig aus Billstedt | 29.08.2015 | 07:24  
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